szmmctag

  • Deutschland-Pass III

    Ich bin kein fester Charakter. Ich ändere meine Meinung manchmal schneller als das einem gesetzten, mittelalten Familienvater ansteht. So sitze ich jetzt in ICE1608 (München-Leipzig-Berlin-Hamburg) der stand gerade auf Gleis 18 rum, als ich von dem üblichen Hotelfrühstück gesättigt den Münchner Hauptbahnhof betrat. Mich hat besonders das Wort "Leipzig" angesprochen. Da war ich nur mal eine zu kurzen Vormittag lang. Aber auch der lange Zuglauf ist irgendwie faszinierend. Ich könnte fast 11 Stunden in diesem Zug fahren, ohne dabei Deutschland zu verlassen. So oder so, mein Hotel in Hannover ist storniert. Mal sehen, wohin es mich treibt.

    Der Zug ist ziemlich leer. Eine junge Frau mit zwei Mädchen, die in München bei der Abfahrt herzzerreißend weinten. "Ich kann mich doch nicht von Papa trennen." Es bleibt der Phantasie überlassen, eine Urlaubsfahrt ohne Papa oder ein Scheidungsdrama zu konstruieren. Eine junge Frau lässt sich von ihrem deutlich älteren Begleiter erklären, wie man eine E-Mail-Bewerbung hin bekommt und stellt dabei herzzerreißend dumme Fragen.

    Augsburg, der Zug wird voll. Mir gegenüber eine ungewaschene Gestalt. Ich werde meine Reisepläne überdenken müssen. Der Zug hat leider kein Bordbistro, sondern ein "Bordrestaurant". Was wie ein Vorteil klingt, ist in Wirklichkeit eine mittlere Katastrophe. Bänke mit roten Kunstleder oder Plastik und unbequemer Sitzhaltung statt Erster Klasse-Sessel. Der Zug fährt auch über Bamberg. Vielleicht sollte ich schon aus verhaltenstherapeutischen Gründen, so im Sinne gezielter Konfrontation.... Nein. Das werde ich nicht tun.

    Die Entscheidung ist gefallen. Es bleibt bei Leipzig. Ich bin jetzt so lange nur noch im Bistrobereich gefahren, dass ich vergessen hatte, wie es im Großraumwagen zugeht. Spielende Kinder, laute Telefonate, Menschen packen Döschen mit Nahrungsmitteln aus, krümeln sich voll und alle benehmen sich, als wären sie alleine oder zu Hause. Ein bisschen seltsam sind die Menschen schon. Vielleicht unterbreche ich die Reise ja in Jena Paradies. Nur wegen des Namens. Und damit ich nicht wieder ohne Pause in Klimaanlagenluft sitze. Immerhin scheint auch heute die Sonne.

    Nürnberg, die Deutsche Bahn schafft ein Paralleluniversum. Laut Abfahrtstafel im Internet und Zugradar ist ICE1608 schon wieder unterwegs nach Erlangen. Ich sitze aber in einem ICE1608 der um 11:17 immer noch in Nürnberg im Hauptbahnhof steht. Wir haben an einen weiteren Zugteil angekoppelt. Wahrscheinlich funktioniert irgendetwas technisch nicht. Die nette Zugchefin macht sich aber auch nicht die Mühe uns zu informieren.
    Jetzt wissen wir es. Eine "technische Störung an unserem Triebzug" (herrliches Wort) ist die Ursache und die "Weiterfahrt verzögert sich noch um wenige Minuten". Derweil ertönen unter uns Geräusche, als wenn jemand versucht einen Dieselmotor zu starten und die Türen piepen alle 45 Sekunden ihr Ich gehe jetzt zu-Piepen. Spannend. Wenn da mal nicht aus den wenigen Minuten ein Zugausfall wird.

    Ich habe die Deutsche Bahn unterschätzt. Sie bekommt ihren Triebzug doch tatsächlich in den Griff. Um 11:30 Uhr verlassen wir Nürnberg mit +24 Minuten. Noch laufen nirgendwo hörbare Gespräche über die "Scheiß-Bundesbahn" wie ich sie in so einer Lage von meinen früheren Reisen kenne. Liegt das daran, dass am Wochenende die Leute entspannter sind oder dass man von der Bahn gar nichts anderes mehr erwartet?

    Aus einem kleinen Erholungsschläfchen erwache ich gerade rechtzeitig um zu erleben, dass wir in Lichtenfels unsere Verspätung auf +15 Minuten reduziert haben. Das Oberfränkische präsentiert sich vor dem Fenster spätsommerlich idyllisch, mit teilweise abgeernteten Weizenfeldern, der Mais schon hoch, die Farben sattgrün und von einem warmen Gelb. Ich sage es vielleicht ein bisschen zu oft: Ich bin gerne in Deutschland unterwegs, gerade auch außerhalb der Städte. Ohne jetzt in einen politischen Diskurs abschweifen zu wollen - als wäre ich nicht immer dafür zu haben - es wird meist unterschätzt wie viel Deutschlands Landwirte für den Erhalt dieser Kulturlandschaft tun. Ohne die Kultivierung würden wir in tiefen Buchenwäldern wohnen und unser Blick wäre nicht so weit.

    Ob die "umweltfreundlichen" Solarpanel, die man hier im Süden statt Mais, Hopfen und Getreide immer öfter auf den Flächen sieht, oder die Windräder auf den nördlichen Feldern dieser Kulturlandschaft gut tun? Ich befürchte wir verspielen gerade aus ehrenhaften Motiven ein wichtiges Erbe unserer Nachfahren.

    Mir fällt auf, dass man kaum Vieh auf den Flächen sieht. Bei uns in der Eifel, dem Westerwald und dem Bergischen Land sind weite Flächen so nährstoffarm, dass sie nur als Viehweide taugen. Das hat den schönen Vorteil, das es regionales Fleisch aus Weidehaltung gibt.

    Während meine Gedanken zur Landwirtschaft abgeschweift waren, ist die Strecke kurviger geworden und die inspirierenden Felder sind verschwunden. Wir haben den Naturpark Fränkischer Wald erreicht, der in den Naturpark Thüringer Schiefergebirge - Oberes Saaletal übergeht. Wieder ein anderes Deutschland, Wälder, enge Täler und gurgelnde Bäche neben der Strecke erfreuen jetzt mein Herz.

    Ich habe es tatsächlich getan und bin in Jena Paradies ausgestiegen. Man macht halt nicht alles richtig im Leben. Dass der Fernbahnhof einer deutschen Groß- und Universitätsstadt weder über eine Toilette noch über Schließfächer verfügt, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Also fahre ich mit dem RE4989 rüber nach Jena-Göschwitz, von dort mir RE3708 nach Weimar, wo ich den verspäteten ICE1549 bekomme. Jetzt sitze im Zugrestaurant (s. o.), trinke Bitburger aus der ICE-Zapfanlage (s. gestern) und freue mich auf das Ende der heutigen Reise. Man macht halt nicht alles richtig im Leben. Aber ich fahre heute ja auch nicht nach München, wo es Spaten, Augustiner und sonstige Feinheiten gibt, sondern nach Leipzig, wo im Umkreis von 100 km kein nennenswertes Bier gebraut wird. Außerdem hatte ich Hunger und das Vollkorn-Ei-Sandwich, das ich in meiner Verzweiflung zu mir nahm, hätte ich wohl ohne Bier nicht runter bekommen.

    Morgen geht es nach Gommern zur Familie. Eine ganz andere Form von Urlaub. Ob ich am Ende der Gültigkeit meines Deutschland-Passes noch einmal die Gelegenheit haben werde ein paar Touren zu machen bleibt abzuwarten. Vielleicht gibt es ja morgen noch etwas zu schreiben.

  • Deutschland-Pass II

    Endlich richtig Urlaub. Da muss man die Zeit nutzen. Also früh raus. Der Bus um 05:47 Uhr soll mich zum Bahnhof bringen. Alleine, er kommt nicht. Eine schöne Gelegenheit mit den Berufspendlern, mit denen ich sonst um diese Zeit gemeinsam auf dem Weg zur Arbeit bin, über die Unzulänglichkeiten des Regionalverkehrs Köln im Besonderen und der Welt im Allgemeinen zu philosophieren.

    Die Entscheidung über das Ziel ist gestern Abend um 20:14 Uhr gefallen. Gutes Wetter in Bayern, durchwachsenes im Norden. Also Mittagessen auf dem Viktualienmarkt. Dank ausgefallenem Bus geht es nach Norden um in den Süden zu kommen. Mit der Regionalbahn nach Köln Messe/Deutz und von da 07:44 Uhr mit ICE527 nach München.

    Das Publikum besteht aus den üblichen Schlipsträgern und reisenden Familien, aber im Bistro ist noch Platz und es ist gemütlich wie immer. Wenn das Rührei in der Bahn nicht ganz so viereckig daher käme, wäre es auch nicht schlechter als in vielen mittelmäßigen Hotels. Bis Frankfurt drei Kaffee. Hier könnte ich noch umschwenken. In sechs Minuten fährt vom Gleis gegenüber ein ICE nach Hamburg, meinem alternativen Ziel. Ich bleibe sitzen und beobachte einen kompletten Fahrgastwechsel. Schlipsträgern raus und mittelalte, gut gekleidete Damen rein. Jede zwei Handtaschen, Rollköfferchen mit aufgeschnalltem Beauty-Case und Parfumwolke um sich. Es wird eng und stickig im Bistro, obwohl wir nicht mehr Menschen sind.

    Hinter Aschaffenburg wird es idyllisch. Draußen, nicht im Zug. Der bayrische Himmel bestätigt mich in meiner Zielwahl. Meine Vorfreude auf einen Fotospaziergang in München steigt rapide. Schade, dass es hier wohl noch keine Schnellstrecke gibt. Bis München sind es noch über zweieinhalb Stunden. Und der ICE ruckelt und zuckelt wie Henriette Eisenbahn. Dagegen ist die Strecke durch das Rheintal die reinste Schnellfahrstrecke. Jetzt wird auch meine Fahrkarte kontrolliert. Bis Aschaffenburg wäre ich auch umsonst gekommen.

    Jetzt zeigt sich auch, was es mit den Damen auf sich hat. Sie sind zickig und schimpfen. Weil erstens der ICE fünf Minuten verspätet ist. Und weil zweitens der Regionalexpress nach Bamberg nicht gewartet hat. Dann stranden sie in Bamberg, dabei müssen sie doch nach Bayreuth. Die Festspiele. Sie werden die Vorstellung verpassen und müssen dann stattdessen in Bamberg Rauchbier trinken. Na gut, das mit dem Rauchbier habe ich mir jetzt ausgedacht. Die Damen würden wahrscheinlich zu einem Winzersekt greifen. Aber seit ich mich mal zum Rauchbiertrinken habe überreden lassen fahre ich nicht mehr nach Bamberg.

    Südlich Ingolstadt begrüßen mich riesige Hopfenfelder, teilweise schon abgeerntet. Mein Durst steigt, der Lärmpegel im Bistro auch. Kaffee ist schon längst nicht mehr das meistverkaufte Getränk, insbesondere bei den Herren, die in Frankfurt zugestiegen sind und im hinterem Teil, dem Stehteil des Bistros ihre Zelte aufgeschlagen haben. Ich werde den Tag jedoch nicht entweihen indem ich Bitburger aus der ICE-Zapfanlage trinke. Der ICE, der bis Aschaffenburg noch auf die Minute pünktlich war, hat jetzt schon mindestens zehn Minuten eingefangen und ruckelt und zuckelt trotz gerader Strecke immer noch meist höchst unwürdig vor sich hin. Mich friert nach fast viereinhalb Stunden in dieser Klimaanlagenluft. So gerne ich Bahn fahre, jetzt käme ich gerne an.

    So München ist erreicht. Da ich direkt am Bahnhof in ein Hotel eingecheckt bin, endet meine Reise für heute. Morgen geht es nach Hannover. Vielleicht suche ich mir zur Abwechslung mal eine. Tour ohne ICE aus. Sonst wird es doch langweilig.

  • Deutschland-Pass die Erste

    Heute ist mein Urlaub gestartet, obwohl ich noch zwei Tage arbeiten werde. Heute ist der erste Tag, an dem mein Deutschland-Pass gültig ist. Für alle, die es nicht wissen, das heißt ich fahre jetzt einen Monat umsonst mit der Deutschen Bahn.
    Auftakt, zum Abendessen mit dem ICE nach Frankfurt a.M. Natürlich habe ich einen ausgesucht, der nicht in irgendwelchen Kreisstädten hält, sondern von Köln nach Frankfurt durchfährt. Ich habe mir sofort eine Sitzplatz im Bordbistro gesucht, Erster Klasse-Komfort für Zweiter Klasse-Preis. Gegenüber eine Audrey Hepburn Wiedergängerin, sehr geschmackvoll und trotz ihres Alters hoch attraktiv. Nebenan zwei pensionierte Ärzte mit ihren Gattinnen. Anregende Gespräche und schöne Aussichten. Was will man mehr. Im Zug sind, weil es aus Amsterdam kommt, alle Ansagen dreisprachig. Deutsch, Nederlansk und English. Alles pünktlich, Klimaanlage - wie meist - zu kalt. Nettes Personal.

    Wird fortgesetzt.

    Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist anders, großartig anders. Ich liebe Städte, kenne viele und bin immer wieder von der Dichte der Menschen, der Kultur und der Emotionen begeistert. Aber im Bahnhofsviertel ist alles so nah beieinander, wie ich es noch nie erlebt habe. Hier muss ich unbedingt nochmal hin. Ich stand nur eine Minute an einem Weinstand auf einem Markt in der Kaiserstraße und schon war ich im schönsten Gespräch. Von all den freundlichen Einladungen in der Seitenstraße mal abgesehen. Die waren wohl nicht ganz uneigennützig und ich habe sie einfach mal ausgeschlagen.
    Jetzt geht es nach Hause. Morgen ruft schließlich die Arbeit. Freitag geht die Reise weiter.

  • Begegnung

    Ich habe mir Freitags früher frei genommen - genau genommen habe ich nur drei Stunden gearbeitet. Weil nochmal schönes Wetter im frühen Herbst angekündigt war, hatte ich meine Kamera mit. Um elf bin ich da, wo ich lange schon sein wollte. Melaten!

    Durch das Tor betritt man eine eigene Welt. Mitten im Westen von Köln an der Oochener Straaß eine Oase der Ruhe und der Kontemplation. Verwunschene Wege, vernachlässigtes Grün, früh im September schon viele Blätter auf Wegen, Grün und Gräbern. Ich entdecke Marmor, direkt neben Verwahrlosung, Familiengruften, die eine halbe Millionen an Grundstückskosten verschlingen würden, wenn man ein Haus für die Familie drauf bauen würde. Zumindest mitten in Köln. Menschen sind nur vereinzelt unterwegs. Eine alte Dame beugt sich mühsam über ein Urnengrab um die Blumen zu erneuern, auf einer Bank wird eine Zigarette geraucht. Eine blonde junge Frau steht nachdenklich vor einem Grab - ich hätte sie gerne fotografiert, wenn es nicht verletztend gewesen wäre.
    "Kann ich ihnen helfen? Ich habe sie gerade auf dem Gräberfeld gesehen. Und so welche wie sie, die suchen immer was." So spricht er mich an. Ich habe ihn den Weg herunter kommen sehen.

    Melaten_001blog

    Im breitesten Kölsch fängt er an zu verzälle. Vierzig Jahre hätt' er hier gearbeitet. Immer gefahren, den Unimog, hier und auf den anderen Friedhöfen. Jetzt würd er nur noch Fahrrad fahren, außer noh Kölle, da würd er den Wagen nehmen. Er tät ja jenau hier öm die Ecke wohnen. Von seinem Meister erzählt (verzällt) er, wie er ihm immer jesacht hätt, wie er arbeiten sollte. Er wär eh immer eh lustich Mensch gewese. Hätt sich auch was jetraut. Aber er hätt et nie bös jemeint. Das hätten die Lück auch gemerkt. Deswegen hätt er nie Ärger gehabt.

    Vom Galgenbaum, wo die Selbstmörder auf die Grabsteine geklettert wären um sich dann aufzuhängen. Den Ast hätten sie absägen müssen. Aber es gäbe ja noch viele solche Bäume auf Melaten. Den ersten hätte er runternehmen wollen, aber das dürfe man ja nicht, die müsste ja erst die Polizei kommen, die dürften das. Von seiner Familie lägen ja viele hier. Da hinten am Gräberfeld, da hätt' er mich gesehen.

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    Er wöör ja erst acht Joohr alt gewääse, sing Schwester zwei Joohr älter. Sie hätt doch keenem was getan. Warum, sie hätt sterben müssen, dass hätt er bis hück nicht verstonn. Irjendwann hätt die Mam ihn mit auf den Friedhof jenommen und hätt ihm gesaht, hier läg sie jetzt.
    Vom Bruder wöör ja ja nichts übrig. Sie wüssten nicht, was passiert sei, er sei wohl komplett verbrannt. Sie hätten nur Nachricht bekomme, dass er im Kölner Süden läge tät.

    Die Mutter sei jetzt dement, er hätt sich ja immer gekümmert. Die anderen Geschwister, würden sich ja nich kümmern. Im Altenheim, das sei ja unmenschlich. Die wären ja nur zu dritt für dreißich aale Lück. Er tät seine Mutter baden, manchmal helfe er auch bei anderen Patienten, aber das verrate er keinem.

    Er erzählt noch ungefähr eine Stunde. Von afrikanischen Ein-Euro-Jobbern, wo er den Kollegen erstmal klar gemacht hätte, dass man auch "solchen" ruhig einen Sitzplatz anbieten könne. Von Handarbeit, Maschinen, Trauer und Wut.

    Entschuldigt sich viermal, dass er mich aufhält. Sagt dreimal, er müse jetzt weiter, weil er sich ja um die Gräber kümmern müsse. Seine Zeitangaben passen nicht. Es ist mir unklar, was echt ist und was Wunsch. Er ist offensichtlich verwirrt und ein bisschen verwahrlost.

    Bei einem bin ich mir ganz sicher. Er hat immer sein Bestes gegeben. Und er ist Kölsch im besten Sinne: Ein bisschen engstirnig, aber tolerant, selbstbewusst, aber mit gesunder Selbstironie gesegnet, heimattreu und -liebend, kommunikativ, auch wenn das heißt, Andere eine Stunde vollzuquatschen und voll der guten Geschichten.

    Ich habe mir die nächste Kneipe gesucht, mir in zwanzig Minuten vier Kölsch gegönnt und mit großem Vergnügen anderen privaten Geschichten zugehört, auch wenn sie nicht mir erzählt wurden.

    Ich liebe die Menschen und die Kölschen ganz besonders.

  • Liebe Bahn

    Liebe deutsche Bahn,

    ich bin ein Fan von Dir. Schließlich benutze ich Dich fast jeden Tag und weiß deshalb, dass Du insgesamt recht zuverlässig bist, vor allem im Nahverkehr, wo Du ja auch Geld verlierst, wenn Du die Vorgaben der Besteller nicht einhältst.

    Ich habe mit Dir schon Touren durch ganz Deutschland unternommen, dabei viele nette Leute kennengelernt und meist aufmerksames Personal getroffen. Ich lese in meiner Freizeit sogar in Newsgroups und Foren über Dinge nach, die Dich betreffen, weil ich Dich und Deine Abläufe besser verstehen will. Ich habe es geschafft letzte Woche Mainz per Zug – wenn auch mit der Mittelrheinbahn – zu erreichen.

    Aber mal ehrlich, immer wenn ich Dich mal für eine Fernreise verwende – und vor allem dann, wenn viele Familien und Wenignutzer unterwegs sind – tust Du alles, um mir und meinen Mitreisenden das Bahnfahren zu verleiden. Da wundert es dann nur wenig, wenn so viele Menschen so eine schlechte Meinung von der Bahn haben.

    Du hast also heute beschlossen den ICE 858, der gemeinsam mit dem ICE 848 von Berlin bis Hamm fährt und dann geteilt wird in einen Teil nach Düsseldorf (ICE 848) und einen Teil nach Köln (ICE858) mal eben ausfallen zu lassen. Ist ja nicht schlimm, Du hast ab Hamm einen Ersatz-ICE bereitgestellt. Nur hast Du vergessen, die Reisenden an den Bahnhöfen darüber zu informieren, dass deshalb erste und zweite Klasse ganz anders verteilt waren als angezeigt und dass in der ersten Klasse alle Reservierungen verfallen waren, so dass überall an den Bahnhöfen Menschen an der völlig falschen Stelle standen und dann über weite Strecken rennen mussten oder sich mit viel Gepäck durch sehr volle Züge kämpfen mussten. Dass ich zwischen Magdeburg und Hamm nur die Auswahl zwischen Kuchen und Kuchen hatte, um meinen Hunger zu stillen, hat meine Laune auch nicht gerade verbessert. Aber dass dann, als wir in Hamm ankamen und beim einfahrenden Zug die erste Klasse ganz vorne, beim Ersatz-ICE jedoch ganz hinten war, war eine Meisterleistung, die ich mir trotz Hanlon's razor (http://en.wikipedia.org/wiki/Hanlon's_razor) nur noch schwer ohne Zuhilfenahme von Begriffen wie Bösartigkeit oder Sadismus erklären kann. Aber vielleicht wolltest Du ja auch nur zur Volksgesundheit beitragen, indem Du mal eben ein paar hundert Menschen in Bewegung bringst.

    Liebe Bahn, eines möchte ich betonen, die von Deinen Angestellten, mit den ich unmittelbar also persönlich zu tun bekam, waren fast alle ausgesprochen nett, souverän und humorvoll und haben mir das Gefühl gegeben, sich für mich und meine Anliegen angemessen zu interessieren. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass Du an vielen Stellen unglaublich loyale und engagierte Mitarbeiter hast, die Du genauso wie Deine Kunden gerne im Regen stehen lässt, denn einige waren bei aller Souveränität und Freundlichkeit auch erkennbar am Punkt, wo sie nur noch mit Mühe lächeln konnten.

    Liebe Bahn oder besser liebes Führungspersonal der Bahn, in Anlehnung an einen alten und fast vergessenen Spruch aus dem Usenet möchte ich Euch zurufen: „Bahn, das ist das mit den Menschen“. Ich weiß, dass man ab einer bestimmten Hierarchieebene nur noch Charts, Zahlen und Powerpoint-Präsentationen zu sehen bekommt und dass das ganz sicher auch nicht immer leicht ist. Ich weiß auch, dass Ihr von der Politik in den letzten zwei Jahrzehnten Vorgaben bekommen habt, die vor allem auf Rendite zielten und dass Euch nassforsche junge BWLer erzählt haben, dass Personal gleich Kosten ist, aber Ihr lasst Züge für Menschen fahren. Öffentlicher Personenverkehr ist eine grundlegende Infrastrukturaufgabe und entscheidet entscheidend mit darüber, ob ein Land lebenswert ist. Dem sollten Sie oder Du, liebe Bahn, Euch/Dich verpflichtet fühlen.

    (Geschrieben im Ersatz-ICE zwischen Hamm und Köln am 18.08.2013)

    Mit besten Grüßen
    Jörg Mutke

  • Ein Kottenforst-Spaziergang

    Wer beim Rheinland nur an die Rheinebene mit ihren Gemüse- und Obst-Feldern zwischen Köln und Bonn oder das unmittelbare Rheinufer denkt, vergisst die wunderschönen Wälder, die wir hier haben.

    Heute habe ich einen kleinen Spaziergang von ca. 12 km von zu Hause in Volmershoven einmal quer durch den Kottenforst bis an den Rhein an der Fähre Bad Godesberg-Niederdollendorf gemacht. Das Wetter war so wie man es im Rheinland im Januar erwarten darf. Ca. 8° C, Sprühregen, nicht richtig hell. Der Wald war ruhig und leer und trotz des Wetters voll schöner Farben.

    Kottenforst 01

    Der Kottenforst ist touristisch kaum erschlossen, obwohl er als Natur- und Vogelschutzgebiet und Fauna- und Flora-Habitat wunderbare Natur bietet und trotzdem dank seiner Nähe zu Bonn gut zu erreichen ist. Der Vorteil ist, dass selbst an schönen Tagen eine gewisse Ruhe herrscht und nicht so ein touristischer Auftrieb wie zum Beispiel in Teilen des Siebengebirges (Ein Thema für sich.) Der Nachteil besteht darin, dass sich anscheinend niemand für angemessene Wegbeschilderungen zuständig fühlt und man entweder dauernd auf Navigations-Anwendungen zurückgreifen muss oder auf den Hauptwegen bleiben muss. Das habe ich heute getan, womit ich die ganze Zeit auf asphaltierten Wegen marschiert bin. Trotzdem war wenig los. Außer mir habe ich nur 3 oder vier Spaziergänger gesehen.

    Dafür Radfahrer und Jogger in etwas größerer Menge, in der Nähe von Orten. Gibt es eigentlich ein Gesetz, dass man nur in hautengen, knatschbunten und hässlichen Klamotten joggen und radfahren darf? Nur eine Joggerin war dezent und hübsch anzuschauen in einer einfachen grauen Jogginghose (sic!) und einem blauen T-Shirt, das nicht am Körper klebte, sondern der Phantasie noch etwas Raum ließ. Dafür der jungen Dame meinen Dank.

    Was bleibt sind müde Beine, ein klarer Kopf und die erneut bestätigte Erkenntnis, dass meine Heimat Vieles zu bieten hat, vor allem vieles Unterschiedliches, bis hin zu wunderbaren Wäldern. Der Kottenforst ist immerhin als zusammenhängendes Waldgebiet seit dem 7. Jahrhundert bekannt und bietet diverse geschichtliche und kulturelle Anknüpfungspunkte, die einen Besuch lohnen neben Natur und schöner Gastronomie am Rand.

    Wer immer sich dahin aufmacht wird Freude habe. Sollte es ein Freund sein und sollte seine Tour in Vomershoven enden, sage er Bescheid, wenn möglich erwarten ihn am Ende der Tour ein Wein, ein Bier, ein Imbiss und gute Gesellschaft. (Und von hier ist man mit dem Bus in 25 min. wieder in Bonn.)

    Frisch auf
    joe

  • Den Teufel werd ich tun

    Nils Koppruch ist tot. Er starb am 10.10.2012 in Hamburg. Er war 46 Jahre alt und hinterlässt eine Ehefrau und einen Sohn.

    Tür verschlossen

    Ich kannte Nils Koppruch nicht. Ich kannte ihn nicht persönlich. Ich wusste nicht, dass es ihn gibt. Am Tage nach seinem Tod las ich einen unglaublich schön geschriebenen Nachruf auf ihn auf zeit.de.

    Dieser Nachruf hat mich dazu gebracht, mir einige seiner Lieder anzuhören. "Den Teufel tun" habe ich seitdem - neben anderen - in meiner Musiksammlung.

    "sie sang die dummheit aus den dummen leuten
    dem irrsinn sang sie frei weg ins gesicht
    das unglück hat sie einfach weggesungen
    und dunkelheit sang sie zurück ins licht

    ich wünschte dass ich wüßte was sie sang
    ich wünschte mir ich hätte dieses lied
    dann würd’ ich singen singen, doch ich hab nur dies"

    (Den kompletten Text gibt es unter: Liedtext)

    Dieser Ausschnitt fasst, wie das ganze Lied, einen Traum zusammen, den ich träume. Menschen, die denken, die frei sind, die wollen. Ich, als ein Mensch, der dazu hilft. Das Wissen, dass das naiv ist, hält mich nicht davon ab zu träumen. Ich kenne das Lied nicht, dass die Welt besser macht - vielleicht ist es nur ein Traum, dass es es gibt. So lange singe ich mein Lied, auch wenn es in meinem Fall nur ein Prosatext ist.

    Danke an den Zeit-Autor, der mir Nils Koppruch "vorgestellt" hat. Danke an Nils Koppruch. Ich hätte Dich gerne mal in Live erlebt. Ich werde mir in Zukunft noch viel mehr Lieder von Dir anhören.

    Ich bin übrigens 46 Jahre. Wenn ich heute sterben würde, hinterließe ich eine Ehefrau und einen Sohn. Ich bekäme keinen Nachruf auf zeit.de. Und das ist auch gut so.

    joe

  • Herbstreise Tage 2-4

    Ganz am Anfang von Deutschland. So behauptet es zumindest ein (neuer) Freund aus Görlitz, liege seine Stadt.

    Dann liegt das Rheinland wohl kurz vor dem Ende. Nicht die schlechteste Position, vor allem, wenn nach dem Ende Belgien und Holland und das Meer kommen.

    Meine Herbstreise hat mich ganz an den Anfang geführt und da dann von Süden nach Norden, immer dem Anfang entlang. Dass ich erst heute drei Tage zusammenfasse, mag ein Hinweis sein, wie wohl ich mich an Tag zwei und drei in Görlitz gefühlt habe und wie viele schöne Stunden mir keine Zeit zum Schreiben ließen.

    Besagter Freund korrigierte mich, als ich anmerkte der Sachse habe ja schon immer als etwas kultivierter und französicher gegolten, weil Görlitzer eben Niederschlesier und auch Oberlausitzer sind, aber keine Sachsen sein wollen. Aber sie sind höflich und auf eine wunderbare, stille und bescheiden-stolze Art angenehm.

    Herbstreise 2012_064

    Görlitz ist außerhalb der Altstadt noch lange nicht durchgehend schön und noch lange nicht fertig, auch nicht 2012. Aber mit welchem Enthusiasmus und welcher Heimatliebe die verbliebenen Görlitzer an ihrer Stadt arbeiten, macht mich hoffen.

    Und die Stadt ist still. Trotz Tourismus ist sie einfach ruhig und leise. Es gibt anscheinend eine für eine Stadt dieser Größe lebendige Kulturszene und es gibt mindestens 50 Restaurants, die "Schlesisches Himmelreich" anbieten. (Für den geübten Koch: Mageres Kasseler in wenig Wasser dünsten, Trockenpflaumen und Trockenaprikosen dazu, aus einer Mehlschwitze und einem guten Fleischfond eine Sauce ziehen, diese mit Zucker und Zitronensaft relativ süß abschmecken, Klösse dazu, fertig. Einige tun noch Pilze dazu.)

    Aber Görlitz ist vor allem schön, erholsam und tatsächlich ruhig. Selbst als ich von der Neiße bergan zur Stadt wandelte, ging mein Puls langsamer. Und die Menschen sind einfach freundlich. Offen, formell höflich, kultiviert. Hier könnte sich der Rheinländer eine Scheibe abschneiden.

    Herbstreise 2012_061_01

    Als meine Reise heute weiter ging, hätte ich denken können, das Wetter passt sich meinen Zielen an. In Görlitz überwiegend strahlender Sonnenschein, in Cottbus trüber Himmel und Nieselregen,

    Herbstreise 2012_134

    in Frankfurt (Oder) strömender Regen.

    Diese Stadt erscheint mir im ersten Eindruck missglückt. Einkaufspassagen, Plattenbauten und Dreck. Ich habe noch nirgendwo - nicht mal in den Problemstadtteilen von Köln - so viele Männer mit offener Bierflasche in der Hand auf der Straße gesehen wie in Frankfurt. Mal sehen, ob der Blick morgen früh freundlicher ist.

    Aber das Abendessen war gut (bei einem angenehmen Italienier) und dank WLAN im Hotel ist der Abend doch noch gelungen.

    Morgen geht meine Reise zu Ende, ich werde am Nachmittag bei der Familie auflaufen. Ich habe nur einen kleinen Teil der Eindrücke hier wiedergegeben. Bilder und Impressionen, die sich in den Tagen angesammelt haben, werde ich zu gegebener Zeit - also wenn ich zum Durchatmen komme - hier und anderswo veröffentlichen.

    Gutes Essen versöhnt mit Allem
    joe

  • Herbstreise - Tag 1

    Quer durch Deutschlands Mittelgebirge ging heute die Reise.

    Regionalbahn von Alfter-Witterschlick nach Bonn
    Stadbahninie 66 Bonn nach Siegburg
    RE 9 Siegburg Siegen
    HLB Siegen nach Gießen
    RE Gießen nach Kassel-Wilhelmshöhe
    RE Kassel-Wilhelmshöhe nach Halle (Saale)
    RE Halle nach Leipzig

    Alle waren Züge pünktlich. Das Zugpersonal - so vorhanden - war nett. Neun Stunden Nahverkehr quer durch Deutschland muss ich mir trotzdem nicht mehr antun. Daran sind vor allem die 2 h 50 min zwischen Kassel und Halle schuld. Wenn man in den alten (Bundes-)Bahnwagen fährt, weiß man erst die modernen Triebwagen zu schätzen.

    Leider habe ich bei meinem wirklich schönen Hotel zu wenig auf die Lage geachtet, als ich es aus dem Zug per Internet gebucht habe. Jetzt bin ich im schönen Leipzig und sitze so weit weg von der Innenstadt, dass die Energie nicht mehr gereicht hat, um sie noch heute zu besuchen.

    Ich werde morgen früh aufstehen und noch ein wenig durch die Stadt schlendern, bevor es weiter geht nach Görlitz.

    Aber wie schön sind die deutschen Mittelgebirge. Mischwald, Äcker, Wiesen, Landwirtschaft, Dörfer, Städte und sanft geschwungene Höhen, wohin man schaut. Heute erstes dezentes Bunt im grünen Blätterwald. Ich liebe diese Landschaft. Jeder, der sie offenen Auges durchfährt oder durchwandert, sieht wie unglaublich viel die deutsche Bauern für den Erhalt dieser Landschaft tun. Es ist eben keine Naturlandschaft sondern Kulturlandschaft. Aber wunderschön.

    Ich hoffe morgen auf schöne Fotos und mehr Zeit zum Schauen.

    Görlitz ich komme
    joe

  • Herbstreise

    Heute hat mir man mir gewünscht, dass ich gut durch den "schönen Herbsttag" komme. Die Wünsche kamen aus Görlitz, wo wohl heute wirklich noch tolles Herbstwetter war.

    In Köln ging heute mehrfach Regen nieder, als wenn der Herrgott eine neue Sintflut geplant hätte und es stürmte, dass ich mich auf die Ostsee - aber nur mit Sturmfock und einem guten Skipper - gewünscht habe. Eben war der Himmel sternenklar und der Mond schien ganz hell, jetzt treiben Wolken vorbei, dass es eine Lust ist. Vielleicht hat derjenige, der mir den schönen Herbsttag wünschte, ja genau das gemeint.

    Herbst1

    Das wunderschöne weiche Licht, die bunten Farben und die schönen Momente, die man noch draußen verbringen kann, in stiller Melancholie und im Wissen um den kalten, feuchten Winter, der kommt, sind ja nur ein Aspekt des Herbstes. Der Sturm, das schnelle Vergehen, die Zeit der Veränderung, Verwandlung, das ist der andere Aspekt. Morgens begrüßt mich beim Aufstehen die dunkle Nacht statt des hellen Tages. Die Sonne kommt erst vor, wenn ich schon lange wach bin und ich ahne den dunklen Winter, der doch bei uns immer nur ein weiches, dreckiges und nasses Intermezzo ist, statt des gewaltigen und lebensverzehrenden Winters, der Menschen anderswo auf der Welt begegnet.

    Das ist die Zeit, in der es mich hinaus treibt. Vom Wind zerzaust, vom Wind getrieben, das Licht nutzen, das bleibt. Menschen sehen und treffen, bevor sie sich zurückziehen und klein machen vor der Kälte.

    Bald werde ich zu meiner Herbstreise aufbrechen. Das weite Land erwartet mich. Dieses Jahr werden mich Nahverkehrszüge durch das Land tragen. Leipzig vielleicht, Görlitz ganz sicher, die Neiße erwartet mich, eine Sandbank ist versprochen, ein Delta droht und ich würde zu gerne verschellen. Fünf Tage habe ich Zeit, wer immer mich locken will, der tu es. Licht zum Fotografieren wäre schön, Menschen zum Reden müssen sein, Neues erfahren, Lernen, Sehen, Schmecken, Riechen ist erwünscht.

    Ich werde berichten
    joe

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