szmmctag

  • Von Freunden und Menschen

    Ich habe 67 Freunde auf Facebook, von denen habe zwei noch nie gesehen, aber eine mal fast und den anderen wohl demnächst. Aus dem guten alten Usenet kenne ich ein knappes Dutzend Menschen, mit denen ich gerne befreundet wäre. Da bin ich mir sicher, weil ich weiß, dass es aufrechte, interessante und kluge Menschen sind. Ich pflege viel zu wenige Freundschaften im realen Leben, aber es gibt ein paar Menschen, die mir wichtig sind und denen ich vertraue. Diese Menschen und einige andere können sich auch auf mich verlassen. Aber ich möchte nicht den gefühlt tausendsten Text zum Thema Freunschaft in Zeiten des Internet/des Web 2.0/virtueller Realitäten verfassen. Das überlasse ich Menschen, die noch schlimmere Besserwisser sind als ich.

    Zwei von meinen Facebookfreunden möchte ich trotzdem heranziehen.

    Der eine ist Schalke-Fan, der andere Menschen schon mal als "Zecke" bezeichnet, in der CDU und Anhänger einer nationalistsichen Bewegung - der schottischen. Ich finde Bundesliga-Fußball massiv überschätzt, kommerzerialisiert und eher uninteressant, wäre aber wenn Gladbach- oder BVB-Fan, die haben wenigstens durch solides Wirtschaften Erfolge erreicht und nicht den Bundesligaskandal 1974 ausgelöst und sind auch schon mal Meister geworden, als ich geboren war. Nationen nehme an ich zur Kenntnis, finde aber regionale Traditionen viel wichtiger und die Diskussion um Grenzen in Westeuropa anachronistisch. Und die CDU steht in meinen Augen in der deutschen Nachkriegsgeschichte - länger gibt es sie ja noch nicht - vor allem für Stilstand und Ideenlosigkeit. Ob unter Adenauer, Kohl oder jetzt Merkel, die Politik ist rückwärtsgewandt und feige. Jeden gesellschaftlichen Fortschritt - leider auch manchen Blödsinn - mussten andere Regierungen verantworten. Selbst die Modernisierung oder wahlweise den Abbau des Sozialstaates musste eine rot-grüne Regierung durchsetzen, weil Kohl, Blüm, Schäuble vorher zu feige waren.

    Der andere ist gläubiger und aktiver Katholik und scheint mit der AfD zu sympathisieren. Ich bin Agnostiker und zum anderen Punkt sage ich aus Höflichkeit nichts.

    Beide sind keine guten Freunde im eigentlichen Sinn. Unsere Lebenskreise sind einfach zu fern. Aber der erste ist außerdem ein wunderbarer Familienvater und ein Whisky-Fan/-Genießer/ und -Kenner vom Feinsten und der andere ist ein wunderbarer Kenner von Kultur, regionaler Geschichte und ein sehr guter Gesellschafter an schönen Abenden. Aber vor allem sind beide Menschen, die sich Gedanken machen, eine Meinung bilden und für ihre Positionen stehen. Sie mischen sich ein, sie schauen über ihren Tellerrand.

    Menschen entscheiden sich irgendwann. Sie drehen sich um sich und ihr Leben oder sie wollen darüber hinaus schauen. Zugegeben der eine bringt dafür bessere Startbedingungen mit als die andere. Aber ich bin ein Anhänger der altmodischen These, dass erwachsene Menschen eine Verantwortung für Ihr Leben haben.

    Ich habe das Glück viele Menschen zu kennen, die darüber hinaus schauen. Einige sind mehr oder weniger Freunde. Ich kenne auch Menschen, die haben mit sich genug zu tun. Manche haben sich das nicht ausgesucht. Einige mag ich gerne. Beim Wachsen helfen mir aber die, die darüber hinaus schauen und was anderes sehen als ich. Danke an die, Freunde oder nicht.

  • Deutschland-Pass, immer noch unterwegs

    Ich will nicht verhehlen, dass ich nach meiner Erholung mit der Familie bereits schon wieder unterwegs war. Dienstag ging es zum Schiffe fotografieren nach Hamburg. Da ich meinen Sohn dabei hatte, war keine Zeit zum Schreiben. Die Hinfahrt über Hannover war unspektakulär, Georg hat die Fahrt genossen. In Hamburg haben wir nur die Landungsbrücken, eine Fährfahrt nach Waltershof sowie eine Fotositzung mit Blick auf einen Teil des Containerhafens vom Waltershofer Damm mitgenommen. Mein Sohn hat viele und ich einige Fotos gemacht.

    Eben saß sie noch da.

    Zu sehen ist die vorzeigbare Ausbeute, wie viele meiner Fotos auf Flickr. ( https://www.flickr.com/photos/joemutke/ )

    Für die Rückfahrt haben wir eine Strecke über Kassel-Wilhelmshöhe und Frankfurt gewählt, weil Georg auch mal richtig schnell fahren wollte.

    Heute morgen ging es früh los und ob der Wettervorhersage nach Norden. Zunächst war der ICE nach Hannover, eigentlich nach Berlin Ostbahnhof, meiner. Mir hätte schon schlimmes ahnen können, als ich sah, dass ein ganzer Wagen von Köln bis Berlin durchreserviert war. Aber es kam schlimmer. Als ich mich kurz vor Wuppertal zum Frühstück in das Restaurant begab, liefen kurz nach mir fünfzehn AWDler auf, für die Frühstück vorreserviert war. Wer Strukturvertriebler kennt, weiß, dass die nächste Stunde nicht angenehm war. Wortfetzen von Rekorden, geilen Gelegenheiten und Ähnlichem erreichten meine Ohren. Dass man sich unter Kollegen nicht grün war, muss ich kaum betonen. Mein Kaffee kam leider erst kurz nach Hagen. Mein geliebtes rechteckiges Rührei war dann auch aus. Sesambagel mit Frischkäse und Lachs musste das ausgleichen.

    Ab Hannover ging es bei zunehmend sonnigerem Wetter nach Bremen. Da bin ich immer nur auf der A1 dran vorbeigefahren. Bremen ist eine schöne kleine Stadt. Nicht direkt am Hauptbahnhof, aber der erste Bus der kam, fuhr nach Neue Vahr-Nord. Wie hätte ich ihn nicht nehmen können. Ein Wohn- und (teilweise) Hochhausghetto, in dem ich gerne spazieren gegangen bin. Den Unterschied machen große, alte und würdige Bäume, viel Grün und gepflegte Hausfassaden. Leben möchte man dort trotzdem nicht.

    Zurück in das Zentrum trug mich die Straßenbahn der Linie 1. Natürlich kam aus meinen Kopfhörern die "Straßenbahn des Todes" ( http://youtu.be/Ru-amL4yFNU ). Ich habe den Roland, das Rathaus und den St.-Petri-Dom gesehen. Ich habe auf dem Rathausplatz ein Becks getrunken und dabei die erfreulich blonden und erfreulich hochgewachsenen jungen Frauen betrachtet und gut angezogene Hanseaten mit Goldknöpfen am Blazer bewundert. Ich bin an der Weser spazieren gegangen. Ich habe die Böttcherstraße bewundert. Ich habe Touristen gleich mir gesehen, zu Tausenden. Warum um des Teufels Willen kaufen sich so viele Menschen Spiegelreflexkameras für geschätzt tausend Euro um dann mit ihrem auch überteuerten Aufsteckblitz den sonnigen und blauen Himmel oder das zweihundert Meter entfernte Rathaus anzublitzen? Die könnten doch auch mir ihrem Handy fotografieren und mir ihre Kamera schenken.

    Mir war nach diesem norddeutschen Disneyland nach einem weiten Blick, also bin ich weiter nach Bremerhaven. Dort bin ich zwar nass geworden, bevor die Sonne wieder schien. Aber ich habe den Horizont gesehen, die Möwen schreien gehört und das beste Fischbrötchen seit langem gegessen.

    Jetzt sitze ich in einem ICE, der nicht geteilt wird, obwohl er geteilt werden sollte. Der Bahn fehlt ein Lokführer. Dadurch bin ich mal eben eine Stunde später zuhause. Wenn man bedenkt, welche Strecken ich zurückgelegt habe, ist es für jeden Bahnkritiker eine Überraschung oder Enttäuschung, dass dies die erste wirklich massive Störung in drei Wochen ist. Für mich deckt sich das mit meinen insgesamt positiven Erfahrungen. Obwohl ich natürlich das geniale Video der Wise Guys an dieser Stelle gerne nochmal erwähne: http://youtu.be/wXjhszy2f9w.

    Meinen Deutschland-Pass gilt noch bis zum 21.08.2014. Ob ich nochmal fahren kann, weiß ich jetzt noch nicht. Ich habe es genossen. Wenn mir jemand eine BahnCard 100 sponsern will, ist er herzlich willkommen. Liebe Bahn, ich würde auch weiter positiv über Euch berichten. Nur über das Essen in Euren "Restaurants" und das Bier müssten wir nochmal reden. Aber bitte, liebe Bahn, denk daran, Du hast ganz überwiegend enorm engagiertes, witziges und nettes Personal und das muss sich jeden Tag unglaubliches Gemotze anhören. Ich hoffe, Du bietest entsprechende Unterstützung.

  • Deutschland-Pass III

    Ich bin kein fester Charakter. Ich ändere meine Meinung manchmal schneller als das einem gesetzten, mittelalten Familienvater ansteht. So sitze ich jetzt in ICE1608 (München-Leipzig-Berlin-Hamburg) der stand gerade auf Gleis 18 rum, als ich von dem üblichen Hotelfrühstück gesättigt den Münchner Hauptbahnhof betrat. Mich hat besonders das Wort "Leipzig" angesprochen. Da war ich nur mal eine zu kurzen Vormittag lang. Aber auch der lange Zuglauf ist irgendwie faszinierend. Ich könnte fast 11 Stunden in diesem Zug fahren, ohne dabei Deutschland zu verlassen. So oder so, mein Hotel in Hannover ist storniert. Mal sehen, wohin es mich treibt.

    Der Zug ist ziemlich leer. Eine junge Frau mit zwei Mädchen, die in München bei der Abfahrt herzzerreißend weinten. "Ich kann mich doch nicht von Papa trennen." Es bleibt der Phantasie überlassen, eine Urlaubsfahrt ohne Papa oder ein Scheidungsdrama zu konstruieren. Eine junge Frau lässt sich von ihrem deutlich älteren Begleiter erklären, wie man eine E-Mail-Bewerbung hin bekommt und stellt dabei herzzerreißend dumme Fragen.

    Augsburg, der Zug wird voll. Mir gegenüber eine ungewaschene Gestalt. Ich werde meine Reisepläne überdenken müssen. Der Zug hat leider kein Bordbistro, sondern ein "Bordrestaurant". Was wie ein Vorteil klingt, ist in Wirklichkeit eine mittlere Katastrophe. Bänke mit roten Kunstleder oder Plastik und unbequemer Sitzhaltung statt Erster Klasse-Sessel. Der Zug fährt auch über Bamberg. Vielleicht sollte ich schon aus verhaltenstherapeutischen Gründen, so im Sinne gezielter Konfrontation.... Nein. Das werde ich nicht tun.

    Die Entscheidung ist gefallen. Es bleibt bei Leipzig. Ich bin jetzt so lange nur noch im Bistrobereich gefahren, dass ich vergessen hatte, wie es im Großraumwagen zugeht. Spielende Kinder, laute Telefonate, Menschen packen Döschen mit Nahrungsmitteln aus, krümeln sich voll und alle benehmen sich, als wären sie alleine oder zu Hause. Ein bisschen seltsam sind die Menschen schon. Vielleicht unterbreche ich die Reise ja in Jena Paradies. Nur wegen des Namens. Und damit ich nicht wieder ohne Pause in Klimaanlagenluft sitze. Immerhin scheint auch heute die Sonne.

    Nürnberg, die Deutsche Bahn schafft ein Paralleluniversum. Laut Abfahrtstafel im Internet und Zugradar ist ICE1608 schon wieder unterwegs nach Erlangen. Ich sitze aber in einem ICE1608 der um 11:17 immer noch in Nürnberg im Hauptbahnhof steht. Wir haben an einen weiteren Zugteil angekoppelt. Wahrscheinlich funktioniert irgendetwas technisch nicht. Die nette Zugchefin macht sich aber auch nicht die Mühe uns zu informieren.
    Jetzt wissen wir es. Eine "technische Störung an unserem Triebzug" (herrliches Wort) ist die Ursache und die "Weiterfahrt verzögert sich noch um wenige Minuten". Derweil ertönen unter uns Geräusche, als wenn jemand versucht einen Dieselmotor zu starten und die Türen piepen alle 45 Sekunden ihr Ich gehe jetzt zu-Piepen. Spannend. Wenn da mal nicht aus den wenigen Minuten ein Zugausfall wird.

    Ich habe die Deutsche Bahn unterschätzt. Sie bekommt ihren Triebzug doch tatsächlich in den Griff. Um 11:30 Uhr verlassen wir Nürnberg mit +24 Minuten. Noch laufen nirgendwo hörbare Gespräche über die "Scheiß-Bundesbahn" wie ich sie in so einer Lage von meinen früheren Reisen kenne. Liegt das daran, dass am Wochenende die Leute entspannter sind oder dass man von der Bahn gar nichts anderes mehr erwartet?

    Aus einem kleinen Erholungsschläfchen erwache ich gerade rechtzeitig um zu erleben, dass wir in Lichtenfels unsere Verspätung auf +15 Minuten reduziert haben. Das Oberfränkische präsentiert sich vor dem Fenster spätsommerlich idyllisch, mit teilweise abgeernteten Weizenfeldern, der Mais schon hoch, die Farben sattgrün und von einem warmen Gelb. Ich sage es vielleicht ein bisschen zu oft: Ich bin gerne in Deutschland unterwegs, gerade auch außerhalb der Städte. Ohne jetzt in einen politischen Diskurs abschweifen zu wollen - als wäre ich nicht immer dafür zu haben - es wird meist unterschätzt wie viel Deutschlands Landwirte für den Erhalt dieser Kulturlandschaft tun. Ohne die Kultivierung würden wir in tiefen Buchenwäldern wohnen und unser Blick wäre nicht so weit.

    Ob die "umweltfreundlichen" Solarpanel, die man hier im Süden statt Mais, Hopfen und Getreide immer öfter auf den Flächen sieht, oder die Windräder auf den nördlichen Feldern dieser Kulturlandschaft gut tun? Ich befürchte wir verspielen gerade aus ehrenhaften Motiven ein wichtiges Erbe unserer Nachfahren.

    Mir fällt auf, dass man kaum Vieh auf den Flächen sieht. Bei uns in der Eifel, dem Westerwald und dem Bergischen Land sind weite Flächen so nährstoffarm, dass sie nur als Viehweide taugen. Das hat den schönen Vorteil, das es regionales Fleisch aus Weidehaltung gibt.

    Während meine Gedanken zur Landwirtschaft abgeschweift waren, ist die Strecke kurviger geworden und die inspirierenden Felder sind verschwunden. Wir haben den Naturpark Fränkischer Wald erreicht, der in den Naturpark Thüringer Schiefergebirge - Oberes Saaletal übergeht. Wieder ein anderes Deutschland, Wälder, enge Täler und gurgelnde Bäche neben der Strecke erfreuen jetzt mein Herz.

    Ich habe es tatsächlich getan und bin in Jena Paradies ausgestiegen. Man macht halt nicht alles richtig im Leben. Dass der Fernbahnhof einer deutschen Groß- und Universitätsstadt weder über eine Toilette noch über Schließfächer verfügt, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Also fahre ich mit dem RE4989 rüber nach Jena-Göschwitz, von dort mir RE3708 nach Weimar, wo ich den verspäteten ICE1549 bekomme. Jetzt sitze im Zugrestaurant (s. o.), trinke Bitburger aus der ICE-Zapfanlage (s. gestern) und freue mich auf das Ende der heutigen Reise. Man macht halt nicht alles richtig im Leben. Aber ich fahre heute ja auch nicht nach München, wo es Spaten, Augustiner und sonstige Feinheiten gibt, sondern nach Leipzig, wo im Umkreis von 100 km kein nennenswertes Bier gebraut wird. Außerdem hatte ich Hunger und das Vollkorn-Ei-Sandwich, das ich in meiner Verzweiflung zu mir nahm, hätte ich wohl ohne Bier nicht runter bekommen.

    Morgen geht es nach Gommern zur Familie. Eine ganz andere Form von Urlaub. Ob ich am Ende der Gültigkeit meines Deutschland-Passes noch einmal die Gelegenheit haben werde ein paar Touren zu machen bleibt abzuwarten. Vielleicht gibt es ja morgen noch etwas zu schreiben.

  • Deutschland-Pass II

    Endlich richtig Urlaub. Da muss man die Zeit nutzen. Also früh raus. Der Bus um 05:47 Uhr soll mich zum Bahnhof bringen. Alleine, er kommt nicht. Eine schöne Gelegenheit mit den Berufspendlern, mit denen ich sonst um diese Zeit gemeinsam auf dem Weg zur Arbeit bin, über die Unzulänglichkeiten des Regionalverkehrs Köln im Besonderen und der Welt im Allgemeinen zu philosophieren.

    Die Entscheidung über das Ziel ist gestern Abend um 20:14 Uhr gefallen. Gutes Wetter in Bayern, durchwachsenes im Norden. Also Mittagessen auf dem Viktualienmarkt. Dank ausgefallenem Bus geht es nach Norden um in den Süden zu kommen. Mit der Regionalbahn nach Köln Messe/Deutz und von da 07:44 Uhr mit ICE527 nach München.

    Das Publikum besteht aus den üblichen Schlipsträgern und reisenden Familien, aber im Bistro ist noch Platz und es ist gemütlich wie immer. Wenn das Rührei in der Bahn nicht ganz so viereckig daher käme, wäre es auch nicht schlechter als in vielen mittelmäßigen Hotels. Bis Frankfurt drei Kaffee. Hier könnte ich noch umschwenken. In sechs Minuten fährt vom Gleis gegenüber ein ICE nach Hamburg, meinem alternativen Ziel. Ich bleibe sitzen und beobachte einen kompletten Fahrgastwechsel. Schlipsträgern raus und mittelalte, gut gekleidete Damen rein. Jede zwei Handtaschen, Rollköfferchen mit aufgeschnalltem Beauty-Case und Parfumwolke um sich. Es wird eng und stickig im Bistro, obwohl wir nicht mehr Menschen sind.

    Hinter Aschaffenburg wird es idyllisch. Draußen, nicht im Zug. Der bayrische Himmel bestätigt mich in meiner Zielwahl. Meine Vorfreude auf einen Fotospaziergang in München steigt rapide. Schade, dass es hier wohl noch keine Schnellstrecke gibt. Bis München sind es noch über zweieinhalb Stunden. Und der ICE ruckelt und zuckelt wie Henriette Eisenbahn. Dagegen ist die Strecke durch das Rheintal die reinste Schnellfahrstrecke. Jetzt wird auch meine Fahrkarte kontrolliert. Bis Aschaffenburg wäre ich auch umsonst gekommen.

    Jetzt zeigt sich auch, was es mit den Damen auf sich hat. Sie sind zickig und schimpfen. Weil erstens der ICE fünf Minuten verspätet ist. Und weil zweitens der Regionalexpress nach Bamberg nicht gewartet hat. Dann stranden sie in Bamberg, dabei müssen sie doch nach Bayreuth. Die Festspiele. Sie werden die Vorstellung verpassen und müssen dann stattdessen in Bamberg Rauchbier trinken. Na gut, das mit dem Rauchbier habe ich mir jetzt ausgedacht. Die Damen würden wahrscheinlich zu einem Winzersekt greifen. Aber seit ich mich mal zum Rauchbiertrinken habe überreden lassen fahre ich nicht mehr nach Bamberg.

    Südlich Ingolstadt begrüßen mich riesige Hopfenfelder, teilweise schon abgeerntet. Mein Durst steigt, der Lärmpegel im Bistro auch. Kaffee ist schon längst nicht mehr das meistverkaufte Getränk, insbesondere bei den Herren, die in Frankfurt zugestiegen sind und im hinterem Teil, dem Stehteil des Bistros ihre Zelte aufgeschlagen haben. Ich werde den Tag jedoch nicht entweihen indem ich Bitburger aus der ICE-Zapfanlage trinke. Der ICE, der bis Aschaffenburg noch auf die Minute pünktlich war, hat jetzt schon mindestens zehn Minuten eingefangen und ruckelt und zuckelt trotz gerader Strecke immer noch meist höchst unwürdig vor sich hin. Mich friert nach fast viereinhalb Stunden in dieser Klimaanlagenluft. So gerne ich Bahn fahre, jetzt käme ich gerne an.

    So München ist erreicht. Da ich direkt am Bahnhof in ein Hotel eingecheckt bin, endet meine Reise für heute. Morgen geht es nach Hannover. Vielleicht suche ich mir zur Abwechslung mal eine Tour ohne ICE aus. Sonst wird es doch langweilig.

  • Deutschland-Pass die Erste

    Heute ist mein Urlaub gestartet, obwohl ich noch zwei Tage arbeiten werde. Heute ist der erste Tag, an dem mein Deutschland-Pass gültig ist. Für alle, die es nicht wissen, das heißt ich fahre jetzt einen Monat umsonst mit der Deutschen Bahn.
    Auftakt, zum Abendessen mit dem ICE nach Frankfurt a.M. Natürlich habe ich einen ausgesucht, der nicht in irgendwelchen Kreisstädten hält, sondern von Köln nach Frankfurt durchfährt. Ich habe mir sofort einen Sitzplatz im Bordbistro gesucht, Erster Klasse-Komfort für Zweiter Klasse-Preis. Gegenüber eine Audrey Hepburn Wiedergängerin, sehr geschmackvoll und trotz ihres Alters hoch attraktiv. Nebenan zwei pensionierte Ärzte mit ihren Gattinnen. Anregende Gespräche und schöne Aussichten. Was will man mehr. Im Zug sind, weil er aus Amsterdam kommt, alle Ansagen dreisprachig. Deutsch, Nederlansk und English. Alles pünktlich, Klimaanlage - wie meist - zu kalt. Nettes Personal.

    Wird fortgesetzt.

    Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist anders, großartig anders. Ich liebe Städte, kenne viele und bin immer wieder von der Dichte der Menschen, der Kultur und der Emotionen begeistert. Aber im Bahnhofsviertel ist alles so nah beieinander, wie ich es noch nie erlebt habe. Hier muss ich unbedingt nochmal hin. Ich stand nur eine Minute an einem Weinstand auf einem Markt in der Kaiserstraße und schon war ich im schönsten Gespräch. Von all den freundlichen Einladungen in der Seitenstraße mal abgesehen. Die waren wohl nicht ganz uneigennützig und ich habe sie einfach mal ausgeschlagen.
    Jetzt geht es nach Hause. Morgen ruft schließlich die Arbeit. Freitag geht die Reise weiter.

  • Begegnung

    Ich habe mir Freitags früher frei genommen - genau genommen habe ich nur drei Stunden gearbeitet. Weil nochmal schönes Wetter im frühen Herbst angekündigt war, hatte ich meine Kamera mit. Um elf bin ich da, wo ich lange schon sein wollte. Melaten!

    Durch das Tor betritt man eine eigene Welt. Mitten im Westen von Köln an der Oochener Straaß eine Oase der Ruhe und der Kontemplation. Verwunschene Wege, vernachlässigtes Grün, früh im September schon viele Blätter auf Wegen, Grün und Gräbern. Ich entdecke Marmor, direkt neben Verwahrlosung, Familiengruften, die eine halbe Millionen an Grundstückskosten verschlingen würden, wenn man ein Haus für die Familie drauf bauen würde. Zumindest mitten in Köln. Menschen sind nur vereinzelt unterwegs. Eine alte Dame beugt sich mühsam über ein Urnengrab um die Blumen zu erneuern, auf einer Bank wird eine Zigarette geraucht. Eine blonde junge Frau steht nachdenklich vor einem Grab - ich hätte sie gerne fotografiert, wenn es nicht verletztend gewesen wäre.
    "Kann ich ihnen helfen? Ich habe sie gerade auf dem Gräberfeld gesehen. Und so welche wie sie, die suchen immer was." So spricht er mich an. Ich habe ihn den Weg herunter kommen sehen.

    Melaten_001blog

    Im breitesten Kölsch fängt er an zu verzälle. Vierzig Jahre hätt' er hier gearbeitet. Immer gefahren, den Unimog, hier und auf den anderen Friedhöfen. Jetzt würd er nur noch Fahrrad fahren, außer noh Kölle, da würd er den Wagen nehmen. Er tät ja jenau hier öm die Ecke wohnen. Von seinem Meister erzählt (verzällt) er, wie er ihm immer jesacht hätt, wie er arbeiten sollte. Er wär eh immer eh lustich Mensch gewese. Hätt sich auch was jetraut. Aber er hätt et nie bös jemeint. Das hätten die Lück auch gemerkt. Deswegen hätt er nie Ärger gehabt.

    Vom Galgenbaum, wo die Selbstmörder auf die Grabsteine geklettert wären um sich dann aufzuhängen. Den Ast hätten sie absägen müssen. Aber es gäbe ja noch viele solche Bäume auf Melaten. Den ersten hätte er runternehmen wollen, aber das dürfe man ja nicht, die müsste ja erst die Polizei kommen, die dürften das. Von seiner Familie lägen ja viele hier. Da hinten am Gräberfeld, da hätt' er mich gesehen.

    Melaten_002blog

    Er wöör ja erst acht Joohr alt gewääse, sing Schwester zwei Joohr älter. Sie hätt doch keenem was getan. Warum, sie hätt sterben müssen, dass hätt er bis hück nicht verstonn. Irjendwann hätt die Mam ihn mit auf den Friedhof jenommen und hätt ihm gesaht, hier läg sie jetzt.
    Vom Bruder wöör ja ja nichts übrig. Sie wüssten nicht, was passiert sei, er sei wohl komplett verbrannt. Sie hätten nur Nachricht bekomme, dass er im Kölner Süden läge tät.

    Die Mutter sei jetzt dement, er hätt sich ja immer gekümmert. Die anderen Geschwister, würden sich ja nich kümmern. Im Altenheim, das sei ja unmenschlich. Die wären ja nur zu dritt für dreißich aale Lück. Er tät seine Mutter baden, manchmal helfe er auch bei anderen Patienten, aber das verrate er keinem.

    Er erzählt noch ungefähr eine Stunde. Von afrikanischen Ein-Euro-Jobbern, wo er den Kollegen erstmal klar gemacht hätte, dass man auch "solchen" ruhig einen Sitzplatz anbieten könne. Von Handarbeit, Maschinen, Trauer und Wut.

    Entschuldigt sich viermal, dass er mich aufhält. Sagt dreimal, er müse jetzt weiter, weil er sich ja um die Gräber kümmern müsse. Seine Zeitangaben passen nicht. Es ist mir unklar, was echt ist und was Wunsch. Er ist offensichtlich verwirrt und ein bisschen verwahrlost.

    Bei einem bin ich mir ganz sicher. Er hat immer sein Bestes gegeben. Und er ist Kölsch im besten Sinne: Ein bisschen engstirnig, aber tolerant, selbstbewusst, aber mit gesunder Selbstironie gesegnet, heimattreu und -liebend, kommunikativ, auch wenn das heißt, Andere eine Stunde vollzuquatschen und voll der guten Geschichten.

    Ich habe mir die nächste Kneipe gesucht, mir in zwanzig Minuten vier Kölsch gegönnt und mit großem Vergnügen anderen privaten Geschichten zugehört, auch wenn sie nicht mir erzählt wurden.

    Ich liebe die Menschen und die Kölschen ganz besonders.

  • Liebe Bahn

    Liebe deutsche Bahn,

    ich bin ein Fan von Dir. Schließlich benutze ich Dich fast jeden Tag und weiß deshalb, dass Du insgesamt recht zuverlässig bist, vor allem im Nahverkehr, wo Du ja auch Geld verlierst, wenn Du die Vorgaben der Besteller nicht einhältst.

    Ich habe mit Dir schon Touren durch ganz Deutschland unternommen, dabei viele nette Leute kennengelernt und meist aufmerksames Personal getroffen. Ich lese in meiner Freizeit sogar in Newsgroups und Foren über Dinge nach, die Dich betreffen, weil ich Dich und Deine Abläufe besser verstehen will. Ich habe es geschafft letzte Woche Mainz per Zug – wenn auch mit der Mittelrheinbahn – zu erreichen.

    Aber mal ehrlich, immer wenn ich Dich mal für eine Fernreise verwende – und vor allem dann, wenn viele Familien und Wenignutzer unterwegs sind – tust Du alles, um mir und meinen Mitreisenden das Bahnfahren zu verleiden. Da wundert es dann nur wenig, wenn so viele Menschen so eine schlechte Meinung von der Bahn haben.

    Du hast also heute beschlossen den ICE 858, der gemeinsam mit dem ICE 848 von Berlin bis Hamm fährt und dann geteilt wird in einen Teil nach Düsseldorf (ICE 848) und einen Teil nach Köln (ICE858) mal eben ausfallen zu lassen. Ist ja nicht schlimm, Du hast ab Hamm einen Ersatz-ICE bereitgestellt. Nur hast Du vergessen, die Reisenden an den Bahnhöfen darüber zu informieren, dass deshalb erste und zweite Klasse ganz anders verteilt waren als angezeigt und dass in der ersten Klasse alle Reservierungen verfallen waren, so dass überall an den Bahnhöfen Menschen an der völlig falschen Stelle standen und dann über weite Strecken rennen mussten oder sich mit viel Gepäck durch sehr volle Züge kämpfen mussten. Dass ich zwischen Magdeburg und Hamm nur die Auswahl zwischen Kuchen und Kuchen hatte, um meinen Hunger zu stillen, hat meine Laune auch nicht gerade verbessert. Aber dass dann, als wir in Hamm ankamen und beim einfahrenden Zug die erste Klasse ganz vorne, beim Ersatz-ICE jedoch ganz hinten war, war eine Meisterleistung, die ich mir trotz Hanlon's razor (http://en.wikipedia.org/wiki/Hanlon's_razor) nur noch schwer ohne Zuhilfenahme von Begriffen wie Bösartigkeit oder Sadismus erklären kann. Aber vielleicht wolltest Du ja auch nur zur Volksgesundheit beitragen, indem Du mal eben ein paar hundert Menschen in Bewegung bringst.

    Liebe Bahn, eines möchte ich betonen, die von Deinen Angestellten, mit den ich unmittelbar also persönlich zu tun bekam, waren fast alle ausgesprochen nett, souverän und humorvoll und haben mir das Gefühl gegeben, sich für mich und meine Anliegen angemessen zu interessieren. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass Du an vielen Stellen unglaublich loyale und engagierte Mitarbeiter hast, die Du genauso wie Deine Kunden gerne im Regen stehen lässt, denn einige waren bei aller Souveränität und Freundlichkeit auch erkennbar am Punkt, wo sie nur noch mit Mühe lächeln konnten.

    Liebe Bahn oder besser liebes Führungspersonal der Bahn, in Anlehnung an einen alten und fast vergessenen Spruch aus dem Usenet möchte ich Euch zurufen: „Bahn, das ist das mit den Menschen“. Ich weiß, dass man ab einer bestimmten Hierarchieebene nur noch Charts, Zahlen und Powerpoint-Präsentationen zu sehen bekommt und dass das ganz sicher auch nicht immer leicht ist. Ich weiß auch, dass Ihr von der Politik in den letzten zwei Jahrzehnten Vorgaben bekommen habt, die vor allem auf Rendite zielten und dass Euch nassforsche junge BWLer erzählt haben, dass Personal gleich Kosten ist, aber Ihr lasst Züge für Menschen fahren. Öffentlicher Personenverkehr ist eine grundlegende Infrastrukturaufgabe und entscheidet entscheidend mit darüber, ob ein Land lebenswert ist. Dem sollten Sie oder Du, liebe Bahn, Euch/Dich verpflichtet fühlen.

    (Geschrieben im Ersatz-ICE zwischen Hamm und Köln am 18.08.2013)

    Mit besten Grüßen
    Jörg Mutke

  • Ein Kottenforst-Spaziergang

    Wer beim Rheinland nur an die Rheinebene mit ihren Gemüse- und Obst-Feldern zwischen Köln und Bonn oder das unmittelbare Rheinufer denkt, vergisst die wunderschönen Wälder, die wir hier haben.

    Heute habe ich einen kleinen Spaziergang von ca. 12 km von zu Hause in Volmershoven einmal quer durch den Kottenforst bis an den Rhein an der Fähre Bad Godesberg-Niederdollendorf gemacht. Das Wetter war so wie man es im Rheinland im Januar erwarten darf. Ca. 8° C, Sprühregen, nicht richtig hell. Der Wald war ruhig und leer und trotz des Wetters voll schöner Farben.

    Kottenforst 01

    Der Kottenforst ist touristisch kaum erschlossen, obwohl er als Natur- und Vogelschutzgebiet und Fauna- und Flora-Habitat wunderbare Natur bietet und trotzdem dank seiner Nähe zu Bonn gut zu erreichen ist. Der Vorteil ist, dass selbst an schönen Tagen eine gewisse Ruhe herrscht und nicht so ein touristischer Auftrieb wie zum Beispiel in Teilen des Siebengebirges (Ein Thema für sich.) Der Nachteil besteht darin, dass sich anscheinend niemand für angemessene Wegbeschilderungen zuständig fühlt und man entweder dauernd auf Navigations-Anwendungen zurückgreifen muss oder auf den Hauptwegen bleiben muss. Das habe ich heute getan, womit ich die ganze Zeit auf asphaltierten Wegen marschiert bin. Trotzdem war wenig los. Außer mir habe ich nur 3 oder vier Spaziergänger gesehen.

    Dafür Radfahrer und Jogger in etwas größerer Menge, in der Nähe von Orten. Gibt es eigentlich ein Gesetz, dass man nur in hautengen, knatschbunten und hässlichen Klamotten joggen und radfahren darf? Nur eine Joggerin war dezent und hübsch anzuschauen in einer einfachen grauen Jogginghose (sic!) und einem blauen T-Shirt, das nicht am Körper klebte, sondern der Phantasie noch etwas Raum ließ. Dafür der jungen Dame meinen Dank.

    Was bleibt sind müde Beine, ein klarer Kopf und die erneut bestätigte Erkenntnis, dass meine Heimat Vieles zu bieten hat, vor allem vieles Unterschiedliches, bis hin zu wunderbaren Wäldern. Der Kottenforst ist immerhin als zusammenhängendes Waldgebiet seit dem 7. Jahrhundert bekannt und bietet diverse geschichtliche und kulturelle Anknüpfungspunkte, die einen Besuch lohnen neben Natur und schöner Gastronomie am Rand.

    Wer immer sich dahin aufmacht wird Freude habe. Sollte es ein Freund sein und sollte seine Tour in Vomershoven enden, sage er Bescheid, wenn möglich erwarten ihn am Ende der Tour ein Wein, ein Bier, ein Imbiss und gute Gesellschaft. (Und von hier ist man mit dem Bus in 25 min. wieder in Bonn.)

    Frisch auf
    joe

  • Den Teufel werd ich tun

    Nils Koppruch ist tot. Er starb am 10.10.2012 in Hamburg. Er war 46 Jahre alt und hinterlässt eine Ehefrau und einen Sohn.

    Tür verschlossen

    Ich kannte Nils Koppruch nicht. Ich kannte ihn nicht persönlich. Ich wusste nicht, dass es ihn gibt. Am Tage nach seinem Tod las ich einen unglaublich schön geschriebenen Nachruf auf ihn auf zeit.de.

    Dieser Nachruf hat mich dazu gebracht, mir einige seiner Lieder anzuhören. "Den Teufel tun" habe ich seitdem - neben anderen - in meiner Musiksammlung.

    "sie sang die dummheit aus den dummen leuten
    dem irrsinn sang sie frei weg ins gesicht
    das unglück hat sie einfach weggesungen
    und dunkelheit sang sie zurück ins licht

    ich wünschte dass ich wüßte was sie sang
    ich wünschte mir ich hätte dieses lied
    dann würd’ ich singen singen, doch ich hab nur dies"

    (Den kompletten Text gibt es unter: Liedtext)

    Dieser Ausschnitt fasst, wie das ganze Lied, einen Traum zusammen, den ich träume. Menschen, die denken, die frei sind, die wollen. Ich, als ein Mensch, der dazu hilft. Das Wissen, dass das naiv ist, hält mich nicht davon ab zu träumen. Ich kenne das Lied nicht, dass die Welt besser macht - vielleicht ist es nur ein Traum, dass es es gibt. So lange singe ich mein Lied, auch wenn es in meinem Fall nur ein Prosatext ist.

    Danke an den Zeit-Autor, der mir Nils Koppruch "vorgestellt" hat. Danke an Nils Koppruch. Ich hätte Dich gerne mal in Live erlebt. Ich werde mir in Zukunft noch viel mehr Lieder von Dir anhören.

    Ich bin übrigens 46 Jahre. Wenn ich heute sterben würde, hinterließe ich eine Ehefrau und einen Sohn. Ich bekäme keinen Nachruf auf zeit.de. Und das ist auch gut so.

    joe

  • Herbstreise Tage 2-4

    Ganz am Anfang von Deutschland. So behauptet es zumindest ein (neuer) Freund aus Görlitz, liege seine Stadt.

    Dann liegt das Rheinland wohl kurz vor dem Ende. Nicht die schlechteste Position, vor allem, wenn nach dem Ende Belgien und Holland und das Meer kommen.

    Meine Herbstreise hat mich ganz an den Anfang geführt und da dann von Süden nach Norden, immer dem Anfang entlang. Dass ich erst heute drei Tage zusammenfasse, mag ein Hinweis sein, wie wohl ich mich an Tag zwei und drei in Görlitz gefühlt habe und wie viele schöne Stunden mir keine Zeit zum Schreiben ließen.

    Besagter Freund korrigierte mich, als ich anmerkte der Sachse habe ja schon immer als etwas kultivierter und französicher gegolten, weil Görlitzer eben Niederschlesier und auch Oberlausitzer sind, aber keine Sachsen sein wollen. Aber sie sind höflich und auf eine wunderbare, stille und bescheiden-stolze Art angenehm.

    Herbstreise 2012_064

    Görlitz ist außerhalb der Altstadt noch lange nicht durchgehend schön und noch lange nicht fertig, auch nicht 2012. Aber mit welchem Enthusiasmus und welcher Heimatliebe die verbliebenen Görlitzer an ihrer Stadt arbeiten, macht mich hoffen.

    Und die Stadt ist still. Trotz Tourismus ist sie einfach ruhig und leise. Es gibt anscheinend eine für eine Stadt dieser Größe lebendige Kulturszene und es gibt mindestens 50 Restaurants, die "Schlesisches Himmelreich" anbieten. (Für den geübten Koch: Mageres Kasseler in wenig Wasser dünsten, Trockenpflaumen und Trockenaprikosen dazu, aus einer Mehlschwitze und einem guten Fleischfond eine Sauce ziehen, diese mit Zucker und Zitronensaft relativ süß abschmecken, Klösse dazu, fertig. Einige tun noch Pilze dazu.)

    Aber Görlitz ist vor allem schön, erholsam und tatsächlich ruhig. Selbst als ich von der Neiße bergan zur Stadt wandelte, ging mein Puls langsamer. Und die Menschen sind einfach freundlich. Offen, formell höflich, kultiviert. Hier könnte sich der Rheinländer eine Scheibe abschneiden.

    Herbstreise 2012_061_01

    Als meine Reise heute weiter ging, hätte ich denken können, das Wetter passt sich meinen Zielen an. In Görlitz überwiegend strahlender Sonnenschein, in Cottbus trüber Himmel und Nieselregen,

    Herbstreise 2012_134

    in Frankfurt (Oder) strömender Regen.

    Diese Stadt erscheint mir im ersten Eindruck missglückt. Einkaufspassagen, Plattenbauten und Dreck. Ich habe noch nirgendwo - nicht mal in den Problemstadtteilen von Köln - so viele Männer mit offener Bierflasche in der Hand auf der Straße gesehen wie in Frankfurt. Mal sehen, ob der Blick morgen früh freundlicher ist.

    Aber das Abendessen war gut (bei einem angenehmen Italienier) und dank WLAN im Hotel ist der Abend doch noch gelungen.

    Morgen geht meine Reise zu Ende, ich werde am Nachmittag bei der Familie auflaufen. Ich habe nur einen kleinen Teil der Eindrücke hier wiedergegeben. Bilder und Impressionen, die sich in den Tagen angesammelt haben, werde ich zu gegebener Zeit - also wenn ich zum Durchatmen komme - hier und anderswo veröffentlichen.

    Gutes Essen versöhnt mit Allem
    joe

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