szmmctag

  • Deutschland-Pass die Erste

    Heute ist mein Urlaub gestartet, obwohl ich noch zwei Tage arbeiten werde. Heute ist der erste Tag, an dem mein Deutschland-Pass gültig ist. Für alle, die es nicht wissen, das heißt ich fahre jetzt einen Monat umsonst mit der Deutschen Bahn.
    Auftakt, zum Abendessen mit dem ICE nach Frankfurt a.M. Natürlich habe ich einen ausgesucht, der nicht in irgendwelchen Kreisstädten hält, sondern von Köln nach Frankfurt durchfährt. Ich habe mir sofort eine Sitzplatz im Bordbistro gesucht, Erster Klasse-Komfort für Zweiter Klasse-Preis. Gegenüber eine Audrey Hepburn Wiedergängerin, sehr geschmackvoll und trotz ihres Alters hoch attraktiv. Nebenan zwei pensionierte Ärzte mit ihren Gattinnen. Anregende Gespräche und schöne Aussichten. Was will man mehr. Im Zug sind, weil es aus Amsterdam kommt, alle Ansagen dreisprachig. Deutsch, Nederlansk und English. Alles pünktlich, Klimaanlage - wie meist - zu kalt. Nettes Personal.

    Wird fortgesetzt.

    Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist anders, großartig anders. Ich liebe Städte, kenne viele und bin immer wieder von der Dichte der Menschen, der Kultur und der Emotionen begeistert. Aber im Bahnhofsviertel ist alles so nah beieinander, wie ich es noch nie erlebt habe. Hier muss ich unbedingt nochmal hin. Ich stand nur eine Minute an einem Weinstand auf einem Markt in der Kaiserstraße und schon war ich im schönsten Gespräch. Von all den freundlichen Einladungen in der Seitenstraße mal abgesehen. Die waren wohl nicht ganz uneigennützig und ich habe sie einfach mal ausgeschlagen.
    Jetzt geht es nach Hause. Morgen ruft schließlich die Arbeit. Freitag geht die Reise weiter.

  • Begegnung

    Ich habe mir Freitags früher frei genommen - genau genommen habe ich nur drei Stunden gearbeitet. Weil nochmal schönes Wetter im frühen Herbst angekündigt war, hatte ich meine Kamera mit. Um elf bin ich da, wo ich lange schon sein wollte. Melaten!

    Durch das Tor betritt man eine eigene Welt. Mitten im Westen von Köln an der Oochener Straaß eine Oase der Ruhe und der Kontemplation. Verwunschene Wege, vernachlässigtes Grün, früh im September schon viele Blätter auf Wegen, Grün und Gräbern. Ich entdecke Marmor, direkt neben Verwahrlosung, Familiengruften, die eine halbe Millionen an Grundstückskosten verschlingen würden, wenn man ein Haus für die Familie drauf bauen würde. Zumindest mitten in Köln. Menschen sind nur vereinzelt unterwegs. Eine alte Dame beugt sich mühsam über ein Urnengrab um die Blumen zu erneuern, auf einer Bank wird eine Zigarette geraucht. Eine blonde junge Frau steht nachdenklich vor einem Grab - ich hätte sie gerne fotografiert, wenn es nicht verletztend gewesen wäre.
    "Kann ich ihnen helfen? Ich habe sie gerade auf dem Gräberfeld gesehen. Und so welche wie sie, die suchen immer was." So spricht er mich an. Ich habe ihn den Weg herunter kommen sehen.

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    Im breitesten Kölsch fängt er an zu verzälle. Vierzig Jahre hätt' er hier gearbeitet. Immer gefahren, den Unimog, hier und auf den anderen Friedhöfen. Jetzt würd er nur noch Fahrrad fahren, außer noh Kölle, da würd er den Wagen nehmen. Er tät ja jenau hier öm die Ecke wohnen. Von seinem Meister erzählt (verzällt) er, wie er ihm immer jesacht hätt, wie er arbeiten sollte. Er wär eh immer eh lustich Mensch gewese. Hätt sich auch was jetraut. Aber er hätt et nie bös jemeint. Das hätten die Lück auch gemerkt. Deswegen hätt er nie Ärger gehabt.

    Vom Galgenbaum, wo die Selbstmörder auf die Grabsteine geklettert wären um sich dann aufzuhängen. Den Ast hätten sie absägen müssen. Aber es gäbe ja noch viele solche Bäume auf Melaten. Den ersten hätte er runternehmen wollen, aber das dürfe man ja nicht, die müsste ja erst die Polizei kommen, die dürften das. Von seiner Familie lägen ja viele hier. Da hinten am Gräberfeld, da hätt' er mich gesehen.

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    Er wöör ja erst acht Joohr alt gewääse, sing Schwester zwei Joohr älter. Sie hätt doch keenem was getan. Warum, sie hätt sterben müssen, dass hätt er bis hück nicht verstonn. Irjendwann hätt die Mam ihn mit auf den Friedhof jenommen und hätt ihm gesaht, hier läg sie jetzt.
    Vom Bruder wöör ja ja nichts übrig. Sie wüssten nicht, was passiert sei, er sei wohl komplett verbrannt. Sie hätten nur Nachricht bekomme, dass er im Kölner Süden läge tät.

    Die Mutter sei jetzt dement, er hätt sich ja immer gekümmert. Die anderen Geschwister, würden sich ja nich kümmern. Im Altenheim, das sei ja unmenschlich. Die wären ja nur zu dritt für dreißich aale Lück. Er tät seine Mutter baden, manchmal helfe er auch bei anderen Patienten, aber das verrate er keinem.

    Er erzählt noch ungefähr eine Stunde. Von afrikanischen Ein-Euro-Jobbern, wo er den Kollegen erstmal klar gemacht hätte, dass man auch "solchen" ruhig einen Sitzplatz anbieten könne. Von Handarbeit, Maschinen, Trauer und Wut.

    Entschuldigt sich viermal, dass er mich aufhält. Sagt dreimal, er müse jetzt weiter, weil er sich ja um die Gräber kümmern müsse. Seine Zeitangaben passen nicht. Es ist mir unklar, was echt ist und was Wunsch. Er ist offensichtlich verwirrt und ein bisschen verwahrlost.

    Bei einem bin ich mir ganz sicher. Er hat immer sein Bestes gegeben. Und er ist Kölsch im besten Sinne: Ein bisschen engstirnig, aber tolerant, selbstbewusst, aber mit gesunder Selbstironie gesegnet, heimattreu und -liebend, kommunikativ, auch wenn das heißt, Andere eine Stunde vollzuquatschen und voll der guten Geschichten.

    Ich habe mir die nächste Kneipe gesucht, mir in zwanzig Minuten vier Kölsch gegönnt und mit großem Vergnügen anderen privaten Geschichten zugehört, auch wenn sie nicht mir erzählt wurden.

    Ich liebe die Menschen und die Kölschen ganz besonders.

  • Liebe Bahn

    Liebe deutsche Bahn,

    ich bin ein Fan von Dir. Schließlich benutze ich Dich fast jeden Tag und weiß deshalb, dass Du insgesamt recht zuverlässig bist, vor allem im Nahverkehr, wo Du ja auch Geld verlierst, wenn Du die Vorgaben der Besteller nicht einhältst.

    Ich habe mit Dir schon Touren durch ganz Deutschland unternommen, dabei viele nette Leute kennengelernt und meist aufmerksames Personal getroffen. Ich lese in meiner Freizeit sogar in Newsgroups und Foren über Dinge nach, die Dich betreffen, weil ich Dich und Deine Abläufe besser verstehen will. Ich habe es geschafft letzte Woche Mainz per Zug – wenn auch mit der Mittelrheinbahn – zu erreichen.

    Aber mal ehrlich, immer wenn ich Dich mal für eine Fernreise verwende – und vor allem dann, wenn viele Familien und Wenignutzer unterwegs sind – tust Du alles, um mir und meinen Mitreisenden das Bahnfahren zu verleiden. Da wundert es dann nur wenig, wenn so viele Menschen so eine schlechte Meinung von der Bahn haben.

    Du hast also heute beschlossen den ICE 858, der gemeinsam mit dem ICE 848 von Berlin bis Hamm fährt und dann geteilt wird in einen Teil nach Düsseldorf (ICE 848) und einen Teil nach Köln (ICE858) mal eben ausfallen zu lassen. Ist ja nicht schlimm, Du hast ab Hamm einen Ersatz-ICE bereitgestellt. Nur hast Du vergessen, die Reisenden an den Bahnhöfen darüber zu informieren, dass deshalb erste und zweite Klasse ganz anders verteilt waren als angezeigt und dass in der ersten Klasse alle Reservierungen verfallen waren, so dass überall an den Bahnhöfen Menschen an der völlig falschen Stelle standen und dann über weite Strecken rennen mussten oder sich mit viel Gepäck durch sehr volle Züge kämpfen mussten. Dass ich zwischen Magdeburg und Hamm nur die Auswahl zwischen Kuchen und Kuchen hatte, um meinen Hunger zu stillen, hat meine Laune auch nicht gerade verbessert. Aber dass dann, als wir in Hamm ankamen und beim einfahrenden Zug die erste Klasse ganz vorne, beim Ersatz-ICE jedoch ganz hinten war, war eine Meisterleistung, die ich mir trotz Hanlon's razor (http://en.wikipedia.org/wiki/Hanlon's_razor) nur noch schwer ohne Zuhilfenahme von Begriffen wie Bösartigkeit oder Sadismus erklären kann. Aber vielleicht wolltest Du ja auch nur zur Volksgesundheit beitragen, indem Du mal eben ein paar hundert Menschen in Bewegung bringst.

    Liebe Bahn, eines möchte ich betonen, die von Deinen Angestellten, mit den ich unmittelbar also persönlich zu tun bekam, waren fast alle ausgesprochen nett, souverän und humorvoll und haben mir das Gefühl gegeben, sich für mich und meine Anliegen angemessen zu interessieren. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass Du an vielen Stellen unglaublich loyale und engagierte Mitarbeiter hast, die Du genauso wie Deine Kunden gerne im Regen stehen lässt, denn einige waren bei aller Souveränität und Freundlichkeit auch erkennbar am Punkt, wo sie nur noch mit Mühe lächeln konnten.

    Liebe Bahn oder besser liebes Führungspersonal der Bahn, in Anlehnung an einen alten und fast vergessenen Spruch aus dem Usenet möchte ich Euch zurufen: „Bahn, das ist das mit den Menschen“. Ich weiß, dass man ab einer bestimmten Hierarchieebene nur noch Charts, Zahlen und Powerpoint-Präsentationen zu sehen bekommt und dass das ganz sicher auch nicht immer leicht ist. Ich weiß auch, dass Ihr von der Politik in den letzten zwei Jahrzehnten Vorgaben bekommen habt, die vor allem auf Rendite zielten und dass Euch nassforsche junge BWLer erzählt haben, dass Personal gleich Kosten ist, aber Ihr lasst Züge für Menschen fahren. Öffentlicher Personenverkehr ist eine grundlegende Infrastrukturaufgabe und entscheidet entscheidend mit darüber, ob ein Land lebenswert ist. Dem sollten Sie oder Du, liebe Bahn, Euch/Dich verpflichtet fühlen.

    (Geschrieben im Ersatz-ICE zwischen Hamm und Köln am 18.08.2013)

    Mit besten Grüßen
    Jörg Mutke

  • Ein Kottenforst-Spaziergang

    Wer beim Rheinland nur an die Rheinebene mit ihren Gemüse- und Obst-Feldern zwischen Köln und Bonn oder das unmittelbare Rheinufer denkt, vergisst die wunderschönen Wälder, die wir hier haben.

    Heute habe ich einen kleinen Spaziergang von ca. 12 km von zu Hause in Volmershoven einmal quer durch den Kottenforst bis an den Rhein an der Fähre Bad Godesberg-Niederdollendorf gemacht. Das Wetter war so wie man es im Rheinland im Januar erwarten darf. Ca. 8° C, Sprühregen, nicht richtig hell. Der Wald war ruhig und leer und trotz des Wetters voll schöner Farben.

    Kottenforst 01

    Der Kottenforst ist touristisch kaum erschlossen, obwohl er als Natur- und Vogelschutzgebiet und Fauna- und Flora-Habitat wunderbare Natur bietet und trotzdem dank seiner Nähe zu Bonn gut zu erreichen ist. Der Vorteil ist, dass selbst an schönen Tagen eine gewisse Ruhe herrscht und nicht so ein touristischer Auftrieb wie zum Beispiel in Teilen des Siebengebirges (Ein Thema für sich.) Der Nachteil besteht darin, dass sich anscheinend niemand für angemessene Wegbeschilderungen zuständig fühlt und man entweder dauernd auf Navigations-Anwendungen zurückgreifen muss oder auf den Hauptwegen bleiben muss. Das habe ich heute getan, womit ich die ganze Zeit auf asphaltierten Wegen marschiert bin. Trotzdem war wenig los. Außer mir habe ich nur 3 oder vier Spaziergänger gesehen.

    Dafür Radfahrer und Jogger in etwas größerer Menge, in der Nähe von Orten. Gibt es eigentlich ein Gesetz, dass man nur in hautengen, knatschbunten und hässlichen Klamotten joggen und radfahren darf? Nur eine Joggerin war dezent und hübsch anzuschauen in einer einfachen grauen Jogginghose (sic!) und einem blauen T-Shirt, das nicht am Körper klebte, sondern der Phantasie noch etwas Raum ließ. Dafür der jungen Dame meinen Dank.

    Was bleibt sind müde Beine, ein klarer Kopf und die erneut bestätigte Erkenntnis, dass meine Heimat Vieles zu bieten hat, vor allem vieles Unterschiedliches, bis hin zu wunderbaren Wäldern. Der Kottenforst ist immerhin als zusammenhängendes Waldgebiet seit dem 7. Jahrhundert bekannt und bietet diverse geschichtliche und kulturelle Anknüpfungspunkte, die einen Besuch lohnen neben Natur und schöner Gastronomie am Rand.

    Wer immer sich dahin aufmacht wird Freude habe. Sollte es ein Freund sein und sollte seine Tour in Vomershoven enden, sage er Bescheid, wenn möglich erwarten ihn am Ende der Tour ein Wein, ein Bier, ein Imbiss und gute Gesellschaft. (Und von hier ist man mit dem Bus in 25 min. wieder in Bonn.)

    Frisch auf
    joe

  • Den Teufel werd ich tun

    Nils Koppruch ist tot. Er starb am 10.10.2012 in Hamburg. Er war 46 Jahre alt und hinterlässt eine Ehefrau und einen Sohn.

    Tür verschlossen

    Ich kannte Nils Koppruch nicht. Ich kannte ihn nicht persönlich. Ich wusste nicht, dass es ihn gibt. Am Tage nach seinem Tod las ich einen unglaublich schön geschriebenen Nachruf auf ihn auf zeit.de.

    Dieser Nachruf hat mich dazu gebracht, mir einige seiner Lieder anzuhören. "Den Teufel tun" habe ich seitdem - neben anderen - in meiner Musiksammlung.

    "sie sang die dummheit aus den dummen leuten
    dem irrsinn sang sie frei weg ins gesicht
    das unglück hat sie einfach weggesungen
    und dunkelheit sang sie zurück ins licht

    ich wünschte dass ich wüßte was sie sang
    ich wünschte mir ich hätte dieses lied
    dann würd’ ich singen singen, doch ich hab nur dies"

    (Den kompletten Text gibt es unter: Liedtext)

    Dieser Ausschnitt fasst, wie das ganze Lied, einen Traum zusammen, den ich träume. Menschen, die denken, die frei sind, die wollen. Ich, als ein Mensch, der dazu hilft. Das Wissen, dass das naiv ist, hält mich nicht davon ab zu träumen. Ich kenne das Lied nicht, dass die Welt besser macht - vielleicht ist es nur ein Traum, dass es es gibt. So lange singe ich mein Lied, auch wenn es in meinem Fall nur ein Prosatext ist.

    Danke an den Zeit-Autor, der mir Nils Koppruch "vorgestellt" hat. Danke an Nils Koppruch. Ich hätte Dich gerne mal in Live erlebt. Ich werde mir in Zukunft noch viel mehr Lieder von Dir anhören.

    Ich bin übrigens 46 Jahre. Wenn ich heute sterben würde, hinterließe ich eine Ehefrau und einen Sohn. Ich bekäme keinen Nachruf auf zeit.de. Und das ist auch gut so.

    joe

  • Herbstreise Tage 2-4

    Ganz am Anfang von Deutschland. So behauptet es zumindest ein (neuer) Freund aus Görlitz, liege seine Stadt.

    Dann liegt das Rheinland wohl kurz vor dem Ende. Nicht die schlechteste Position, vor allem, wenn nach dem Ende Belgien und Holland und das Meer kommen.

    Meine Herbstreise hat mich ganz an den Anfang geführt und da dann von Süden nach Norden, immer dem Anfang entlang. Dass ich erst heute drei Tage zusammenfasse, mag ein Hinweis sein, wie wohl ich mich an Tag zwei und drei in Görlitz gefühlt habe und wie viele schöne Stunden mir keine Zeit zum Schreiben ließen.

    Besagter Freund korrigierte mich, als ich anmerkte der Sachse habe ja schon immer als etwas kultivierter und französicher gegolten, weil Görlitzer eben Niederschlesier und auch Oberlausitzer sind, aber keine Sachsen sein wollen. Aber sie sind höflich und auf eine wunderbare, stille und bescheiden-stolze Art angenehm.

    Herbstreise 2012_064

    Görlitz ist außerhalb der Altstadt noch lange nicht durchgehend schön und noch lange nicht fertig, auch nicht 2012. Aber mit welchem Enthusiasmus und welcher Heimatliebe die verbliebenen Görlitzer an ihrer Stadt arbeiten, macht mich hoffen.

    Und die Stadt ist still. Trotz Tourismus ist sie einfach ruhig und leise. Es gibt anscheinend eine für eine Stadt dieser Größe lebendige Kulturszene und es gibt mindestens 50 Restaurants, die "Schlesisches Himmelreich" anbieten. (Für den geübten Koch: Mageres Kasseler in wenig Wasser dünsten, Trockenpflaumen und Trockenaprikosen dazu, aus einer Mehlschwitze und einem guten Fleischfond eine Sauce ziehen, diese mit Zucker und Zitronensaft relativ süß abschmecken, Klösse dazu, fertig. Einige tun noch Pilze dazu.)

    Aber Görlitz ist vor allem schön, erholsam und tatsächlich ruhig. Selbst als ich von der Neiße bergan zur Stadt wandelte, ging mein Puls langsamer. Und die Menschen sind einfach freundlich. Offen, formell höflich, kultiviert. Hier könnte sich der Rheinländer eine Scheibe abschneiden.

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    Als meine Reise heute weiter ging, hätte ich denken können, das Wetter passt sich meinen Zielen an. In Görlitz überwiegend strahlender Sonnenschein, in Cottbus trüber Himmel und Nieselregen,

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    in Frankfurt (Oder) strömender Regen.

    Diese Stadt erscheint mir im ersten Eindruck missglückt. Einkaufspassagen, Plattenbauten und Dreck. Ich habe noch nirgendwo - nicht mal in den Problemstadtteilen von Köln - so viele Männer mit offener Bierflasche in der Hand auf der Straße gesehen wie in Frankfurt. Mal sehen, ob der Blick morgen früh freundlicher ist.

    Aber das Abendessen war gut (bei einem angenehmen Italienier) und dank WLAN im Hotel ist der Abend doch noch gelungen.

    Morgen geht meine Reise zu Ende, ich werde am Nachmittag bei der Familie auflaufen. Ich habe nur einen kleinen Teil der Eindrücke hier wiedergegeben. Bilder und Impressionen, die sich in den Tagen angesammelt haben, werde ich zu gegebener Zeit - also wenn ich zum Durchatmen komme - hier und anderswo veröffentlichen.

    Gutes Essen versöhnt mit Allem
    joe

  • Herbstreise - Tag 1

    Quer durch Deutschlands Mittelgebirge ging heute die Reise.

    Regionalbahn von Alfter-Witterschlick nach Bonn
    Stadbahninie 66 Bonn nach Siegburg
    RE 9 Siegburg Siegen
    HLB Siegen nach Gießen
    RE Gießen nach Kassel-Wilhelmshöhe
    RE Kassel-Wilhelmshöhe nach Halle (Saale)
    RE Halle nach Leipzig

    Alle waren Züge pünktlich. Das Zugpersonal - so vorhanden - war nett. Neun Stunden Nahverkehr quer durch Deutschland muss ich mir trotzdem nicht mehr antun. Daran sind vor allem die 2 h 50 min zwischen Kassel und Halle schuld. Wenn man in den alten (Bundes-)Bahnwagen fährt, weiß man erst die modernen Triebwagen zu schätzen.

    Leider habe ich bei meinem wirklich schönen Hotel zu wenig auf die Lage geachtet, als ich es aus dem Zug per Internet gebucht habe. Jetzt bin ich im schönen Leipzig und sitze so weit weg von der Innenstadt, dass die Energie nicht mehr gereicht hat, um sie noch heute zu besuchen.

    Ich werde morgen früh aufstehen und noch ein wenig durch die Stadt schlendern, bevor es weiter geht nach Görlitz.

    Aber wie schön sind die deutschen Mittelgebirge. Mischwald, Äcker, Wiesen, Landwirtschaft, Dörfer, Städte und sanft geschwungene Höhen, wohin man schaut. Heute erstes dezentes Bunt im grünen Blätterwald. Ich liebe diese Landschaft. Jeder, der sie offenen Auges durchfährt oder durchwandert, sieht wie unglaublich viel die deutsche Bauern für den Erhalt dieser Landschaft tun. Es ist eben keine Naturlandschaft sondern Kulturlandschaft. Aber wunderschön.

    Ich hoffe morgen auf schöne Fotos und mehr Zeit zum Schauen.

    Görlitz ich komme
    joe

  • Herbstreise

    Heute hat mir man mir gewünscht, dass ich gut durch den "schönen Herbsttag" komme. Die Wünsche kamen aus Görlitz, wo wohl heute wirklich noch tolles Herbstwetter war.

    In Köln ging heute mehrfach Regen nieder, als wenn der Herrgott eine neue Sintflut geplant hätte und es stürmte, dass ich mich auf die Ostsee - aber nur mit Sturmfock und einem guten Skipper - gewünscht habe. Eben war der Himmel sternenklar und der Mond schien ganz hell, jetzt treiben Wolken vorbei, dass es eine Lust ist. Vielleicht hat derjenige, der mir den schönen Herbsttag wünschte, ja genau das gemeint.

    Herbst1

    Das wunderschöne weiche Licht, die bunten Farben und die schönen Momente, die man noch draußen verbringen kann, in stiller Melancholie und im Wissen um den kalten, feuchten Winter, der kommt, sind ja nur ein Aspekt des Herbstes. Der Sturm, das schnelle Vergehen, die Zeit der Veränderung, Verwandlung, das ist der andere Aspekt. Morgens begrüßt mich beim Aufstehen die dunkle Nacht statt des hellen Tages. Die Sonne kommt erst vor, wenn ich schon lange wach bin und ich ahne den dunklen Winter, der doch bei uns immer nur ein weiches, dreckiges und nasses Intermezzo ist, statt des gewaltigen und lebensverzehrenden Winters, der Menschen anderswo auf der Welt begegnet.

    Das ist die Zeit, in der es mich hinaus treibt. Vom Wind zerzaust, vom Wind getrieben, das Licht nutzen, das bleibt. Menschen sehen und treffen, bevor sie sich zurückziehen und klein machen vor der Kälte.

    Bald werde ich zu meiner Herbstreise aufbrechen. Das weite Land erwartet mich. Dieses Jahr werden mich Nahverkehrszüge durch das Land tragen. Leipzig vielleicht, Görlitz ganz sicher, die Neiße erwartet mich, eine Sandbank ist versprochen, ein Delta droht und ich würde zu gerne verschellen. Fünf Tage habe ich Zeit, wer immer mich locken will, der tu es. Licht zum Fotografieren wäre schön, Menschen zum Reden müssen sein, Neues erfahren, Lernen, Sehen, Schmecken, Riechen ist erwünscht.

    Ich werde berichten
    joe

  • Über die Religion

    So geht das im Leben. Da hatte ich gerade heute über alle die, die die Wahrheit kennen, geschrieben und dann schmeißt mir Facebook die folgende Debatte vor die Füße:

    Respekt? Wovor denn?
    und
    Mehr Respekt bitte!

    Beides ist gut geschrieben, sind halt Profi-Journalisten.

    Schauen wir uns die Argumentationen doch einmal als mittelmäßig gebildeter Agnostiker, der vor wenigen Stunden noch betont hat, wie dünn jeder Boden ist, auf dem man steht, an.

    Besonders populär ist vor allem in "aufgeklärten" Kreisen nach meinem Eindruck eine Position, wie sie im ersten Kommentar vertreten wird. Ist ja auch klar, weder Herr Meisner, noch Muslime, die sich aufführen, als wenn sie 14-jährige Halbstarke wären, weil irgendwo in der Welt irgendein Idiot irgendwas sagt, schreibt, zeichnet oder filmt, taugen als Sympathieträger. Und ja, man findet im Koran und in der Bibel massenhaft Stellen, die nicht zu unserem humanistischen und aufgeklärten Welt- und Menschenbild passen. Mir stellen sich auch jedes Mal die Nackenhaare auf, wenn jemand behauptet, unsere Gesellschaft basiere auf den Werten und der Tradition der christlichen Gemeinschaft. Ich möchte dann schreien: "Nein die heutigen Ideale von Freiheit und Menschenrechten wurden oft gegen die christlichen Kirchen von Wissenschaftlern und Vertetern der Aufklärung erkämpft."

    Also alles klar: Herr Schmidt-Salomon (welch herrlicher Name) hat Recht, die Religiösen verdienen keinen Respekt. Und danke für die enorme Fleißarbeit, die richtig bösen Stellen rausgeschrieben zu haben. Wer will schon selber in Koran oder Bibel nachlesen.

    Vergessen hat der Autor zu erwähnen, dass der Koran nach der Überlieferung dem Propheten Mohammed im Jahre 610 n. Chr. "offenbart" wurde und in den Jahren zwsichen 632 und 655 n. Chr. erstmals in Schriften gefasst wurde. Die Texte der Bibel sind wohl zwischen 300-250 v. Chr. bis in die Zeit um 400 n. Chr. entstanden. Die jüngsten Texte sind also mehr oder minder 1600 Jahre alt. Wenn mir jemand einen friedlichen, differenzierten und den heutigen Grad philosophischen und ethischen Wissens berücksichtigenden Text aus dieser Zeit nennt, bin ich gerne bereit, die Autoren der religiösen Texte als nicht zeitgemäß und hintlerwälderisch zu bezeichnen.

    Und dann darf die Aufzählung von Verfehlungen der Religionen in der Geschichte nicht fehlen. Ja, es gab Scheiterhaufen und Hexenverbrennung im Namen der Kirche. Aber braucht der Mensch wirklich die Religion, um seinem Nächsten etwas anzutun? Gier, der Wunsch nach Macht oder einfache Boshaftigkeit reichen dafür ebenso aus, wie beliebige andere Ideologien, wenn man nur fest genug von Ihnen überzeugt ist.

    Ausgerechnet die Aufklärung als Zeuge für Ignoranz und Intoleranz Andersdenkenden gegenüber zum Zeugen zu nehmen erscheint zumindest mir seltsam. Die Argumentation des Kommentars bewegt sich für mich auf dem Niveau von Kindergartenkindern: "Die sind alle doof und gemein, also darf ich zu ihnen auch doof und gemein sein." Nein, das ist nicht Aufklärung und auch nicht Freiheit, wie ich sie verstehe.

    Auf der anderen Seite steht der Text von Herrn Greven, der Respekt einfordert für die Religion und die religiös Denkenden. Wer bis hier gelesen hat, merkt schon, dass diese Position mir näher steht, obwohl Religion mir ferne steht. Aber die eigene Position hinterfragen oder wenigstens stringent seriös dickutieren mag Herr Greven auch nicht. "Freiheit hat Grenzen." sagt er und stellt völlig richtig fest, dass die Meinungsfreiheit auch in unserem Rechtsstaat - mit mehr oder weniger guten Gründen - eingeschränkt ist. Und er stellt richtig fest, dass nur die Menschenwürde das Menschenrecht ist, das völlig uneingeschränkt gelten muss. Menschenwürde ist aber zunächst das Recht über sich und seinen Körper und Geist selbst bestimmen zu dürfen und damit untrennbar verknüpft mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Aber im nächsten Moment stellt er das Recht der Eltern auf Erziehung und die Religionsfreiheit über das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Herr Greven, das passt nicht.

    Das eine Vorhautbeschenidung tatbestandlich eine Körperverletzung ist, ist unter Juristen komplett unumstritten. Die Frage ist, ob es einen Rechtfertigungsgrund gibt, der die Straffreiheit dieser Körperverletzung begründet. (Der Grund, so schlimm ist das doch nicht und die in den USA machen das doch auch, ist übrigens keiner.) Das kann man kontrvers diskutieren. Aber so zu tun, als ob diese Debatte eine inakzeptable Intoleranz gegenüber religiösen Überzeugungen darstellen würde, ist unseriös. Denn das ist eben Aufklärung: Dinge in Frage zu stellen und auf einer rationalen Ebene zu diskutieren.. Im Übrigen: "Das Recht auf freie Meinungsäußerung endet dort, wo andere beleidigt werden." Aber auch dort setzen deutsche Gerichte die Grenze, ab wo etwas Beleidigung ist, mit gutem Grund recht hoch an.

    Wer sich jetzt fragt, ob ich Vorhautbeschneidung verteidige oder ob ich finde, dass Filme wie der diskutierte verboten gehören, bekommt keine Antwort. Ich nehme mir das Recht keine klare Meinung zu haben. Ich finde für alle Positionen gute Gründe.

    Denkt daran, auch der stabilste Boden ist nur eine dünne Schicht auf dem wackligen Grund darunter.
    joe

  • Vom Schönen im Hässlichen

    Gebrochen
    Der wunderbar schreibende - und oft auf berückende Weise böse - Mike Altmann hat auf einem meiner Lieblingsblogs www.kostblog.de einen Text über einen Zirkusbesuch mit seiner Tochter geschrieben "Das Leben ist ein Zirkus", für den ich ihn kritisiert habe, weil mir die Beschreibung einfach zu negativ war. Dabei kann ich seine geschilderten Empfindungen gut nachvollziehen und hätte an dem Tag - je nach Laune - wohl Ähnliches empfunden.

    Dann habe ich an meine Texte hier gedacht und mir wurde klar, dass einiges, was ich hier schreibe eher dem geschilderten Zirkus entspricht, als dass es kulturell auf einem Niveau wäre, dass andere anspricht. Wer begeistert sich schon für eine alte Imbissbude oder für eine Vorstadtkneipe in Brühl bei Köln. Da muss man doch schon ein bisschen seltsam sein.

    Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit Diagnostik. Ich beobachte und vermesse Menschen und bin aufgefordert, über ihre Eignung für bestimmte Berufe zu urteilen. Und ich bilde mir privat Urteile über Menschen und ihre Handlungen, wie das wohl jeder tut. Dabei habe ich Schemata im Kopf, davon, was richtig ist und was falsch. Ich wende Regeln an, die ich für mich selbst entwickelt habe oder die mir eingepflanzt worden sind. (Bei der Arbeit werden sie oft - natürlich immer wissenschaftlich abgesichert - vom System vorgegeben.)

    Aber eigentlich möchte ich die meiste Zeit gar nicht urteilen. Ich möchte beobachten und mich freuen. Ich bin fasziniert, welch herrlich seltsame Menschen es gibt. Ich staune, wenn jemand die Welt auf mir völlig verquer vorkommende Weise sieht. Esoteriker, Vegetarier, Anthroposoph, Rechter, Linker, Katholik, alles possierliche Tierchen, die wissen was richtig ist.

    Meine besten Momente sind glaube ich die, in denen ich nicht richtig weiß, was richtig ist. Wir sind anscheinend mit Vernunft ausgestattet und können so die Welt betrachten, untersuchen, analysieren und bewerten. Aber das beste, was wir mit der Vernunft tun können, ist zu verstehen, dass wir nie eine Wahrheit wissen werden. Das Bedürfnis nach Sicherheit, das die meisten Menschen umtreibt, ist wohl tief verankert, aber wer es schafft auf dem Boden zu stehen und dabei zu wissen, das der eben kein fester ist und jederzeit wackeln kann, der hat seine Vernunft angewendet um weiter zu kommen. Fliegen muss man gar nicht um abzuheben. Und das ist definitiv die Wahrheit.

    Und so freue ich mich über den Säufer der vor sich hin schwadroniert - man denke an das wunderschöne "Jupp" von BAP - ebenso wie über Menschen, die mich mit ihren Texten oder ihrer Kunst intellektuell herausfordern und mich zwingen nachzudenken. Lernen kann ich bei beiden. Schließlich esse ich mal Currywurst, mal Endivien mit Kartoffelstampf und mal ein schönes Rissotto mit Meersfrüchten oder eine Foie gras. Und je nach Laune ziehe ich eben auch mal einen Jägermeister einer 20 Jahre alten Single cask-Abfüllung aus einer schottischen Destillerie vor.

    Es ist erlaubt mal keine Meinung zu haben. Oder wie Dieter Nuhr mal gesagt hat: "Die Leute haben das mit der Demokratie falsch verstanden. Man darf eine Meinung haben, man muss aber nicht." Danach kommt übrigens direkt das andere Zitat, das jeder kennt. Manchmal will man einfach nur schauen, staunen und sich freuen.

    In diesem Sinne
    joe

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